Von Mario Harter
Die Entwickler sind nicht gerade zurückhaltend. „A New Way of Doing Journalism“ kündigen sie auf ihrer Homepage an, es geht um das Thema News Games. In den vergangenen Jahren waren es noch die Serious Games, die ihren Bekanntheitsgrad auch über die Entwicklerszene hinaus steigern konnten. Dabei handelt es sich um digitale Spiele, die per Definition „einen ausdrücklichen und sorgfältig durchdachten Bildungszweck verfolgen und nicht in erster Linie zur Unterhaltung gedacht sind“. Dennoch sollten die Spiele Merkmale davon aufweisen, denn ebenso wie um den Spaß geht es bei den Serious Games darum, den Spielern Information und Bildung näherzubringen – das Verhältnis sollte möglichst ausgeglichen sein.

America's Army
Im Laufe der Zeit erweiterte sich das Spektrum der Anwendungsgebiete immer weiter. Handelte es sich am Anfang der Serious Games mit dem Spiel „America’s Army“ noch um eine virtuelle Armee-Welt, die vom US-Militär entwickelt wurde, zählen heute auch Lernspiele, Simulationen sowie Sprachlernprogramme zum Repertoire. Das bekannteste dieser Spiele dürfte „Dr. Kawashima’s Gehirnjogging“ sein, das bei den Nintendo-Konsolen reißenden Absatz findet.
Die News Games, eine neuere Art der digitalen Lernspiele, sind die Evolution der Serious Games. Ihr Anliegen ist es, journalistischen Hintergrund in einem Spiel darzustellen. Dies kann beispielsweise von einem spielbaren politischen Cartoon bis hin zur Simulation von Osama Bin Ladens Tod gehen. Wichtig ist, dass News Games nicht die Intention haben, „normale“ Nachrichten zu ersetzen, sondern vielmehr den digitalen Journalismus zu erweitern und aufzuwerten.

September 12th
Ein bekanntes dieser Spiele heißt „September 12th“, es handelt von Zivilisten und Terroristen – und davon, wie schwer es ist, sie auseinanderzuhalten. Bereits in der Anleitung auf der Homepage machen die Entwickler ihre Botschaft deutlich: Man kann weder gewinnen noch verlieren. Die Regeln sind einfach. Man kann aus der Luft Raketen auf einen dicht bevölkerten Marktplatz schießen. Dort laufen Terroristen umher. Mit jedem Schuss trifft man aber auch Zivilisten, die erst um die Opfer trauern und anschließend aus Wut selbst zu Terroristen werden. Eine provokant ausgetüftelte und spielerisch gelöste Analogie zur Realität.
Marcus Bösch, Digitaljournalist und Dozent mit zehnjähriger Berufserfahrung, erklärt die Vorteile von News Games damit, dass der Rezipient eine Erfahrung machen kann, die er durch Artikel aus dem Printbereich nicht bekommt. Im News Game zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York steht der Spieler im World Trade Center an einem riesigen Loch, das eines der Flugzeuge verursacht hat. Er kann entweder ins Feuer laufen oder nach unten springen – einen Ausweg gibt es nicht. „Das klingt extrem makaber“, sagt Bösch. „Aber daran kann man schon die Idee der News Games sehen: Es wird eine Erfahrung generiert. Das kann auch die beste Reportage nicht, denn die ist zum Konsum geeignet, aber nicht um sie selbst zu erfahren.“

Energetika
Dennoch: Das News Game schlechthin gibt es noch nicht, wenngleich immer aufwändigere Spiele produziert werden. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde die Entwicklung des Spiels „Energetika“ beauftragt – es wurde zum besten Serious Game des Jahres 2011 gewählt. Der Spieler muss sich dabei als Energieminister für eine nachhaltige Stromversorgung für die nächsten 40 Jahre kümmern. An Spielen wie diesem erkennt man den Vorteil dieser News Games. Man kann Texte, die in der Zeitung stehen, zwar am Computer lesen. Man kann Radiobeiträge online hören, TV-Filme online sehen. Die wahre Interaktivität, das Dabei-sein, bietet nur der Computer mit diesen eigens entwickelten Games.
In die Zukunft der News Games zu schauen, ist laut Bösch schwierig. Vor zehn Jahren habe noch niemand an YouTube oder Facebook gedacht, sagt er, heute sei das selbstverständlich. Nur eines kann er für das Jahr 2022 nahezu garantieren: „Ich bin sehr sicher, dass wir Spiele dann mit unseren Gedanken steuern.“ In wenigen Jahren werde es außerdem in jeder Cola-Dose und in jedem Schuh einen Chip geben, der Daten sammelt. Wo es Daten gibt, kann man etwas messen – und woraus man etwas messen kann, kann man ein Spiel machen. Dies alles könne dann kombiniert werden, so Bösch. „Eine Versicherung könnte zum Beispiel Extra-Prämien ausschreiben, wenn man zehn Kilometer am Tag geht.“ Der Chip im Schuh wird es messen.
Für Datenschützer klingt dies nach einem Horrorszenario – womöglich ist es aber einfach nur die nächste Stufe der digitalen Evolution.
















