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  1. Die digitale Evolution

    Januar 22, 2012 by harter

    Von Mario Harter

    Die Entwickler sind nicht gerade zurückhaltend. „A New Way of Doing Journalism“ kündigen sie auf ihrer Homepage an, es geht um das Thema News Games. In den vergangenen Jahren waren es noch die Serious Games, die ihren Bekanntheitsgrad auch über die Entwicklerszene hinaus steigern konnten. Dabei handelt es sich um digitale Spiele, die per Definition „einen ausdrücklichen und sorgfältig durchdachten Bildungszweck verfolgen und nicht in erster Linie zur Unterhaltung gedacht sind“. Dennoch sollten die Spiele Merkmale davon aufweisen, denn ebenso wie um den Spaß geht es bei den Serious Games darum, den Spielern Information und Bildung näherzubringen – das Verhältnis sollte möglichst ausgeglichen sein.

    America's Army

    Im Laufe der Zeit erweiterte sich das Spektrum der Anwendungsgebiete immer weiter. Handelte es sich am Anfang der Serious Games mit dem Spiel „America’s Army“ noch um eine virtuelle Armee-Welt, die vom US-Militär entwickelt wurde, zählen heute auch Lernspiele, Simulationen sowie Sprachlernprogramme zum Repertoire. Das bekannteste dieser Spiele dürfte „Dr. Kawashima’s Gehirnjogging“ sein, das bei den Nintendo-Konsolen reißenden Absatz findet.

    Die News Games, eine neuere Art der digitalen Lernspiele, sind die Evolution der Serious Games. Ihr Anliegen ist es, journalistischen Hintergrund in einem Spiel darzustellen. Dies kann beispielsweise von einem spielbaren politischen Cartoon bis hin zur Simulation von Osama Bin Ladens Tod gehen. Wichtig ist, dass News Games nicht die Intention haben, „normale“ Nachrichten zu ersetzen, sondern vielmehr den digitalen Journalismus zu erweitern und aufzuwerten.

    September 12th

    Ein bekanntes dieser Spiele heißt „September 12th“, es handelt von Zivilisten und Terroristen – und davon, wie schwer es ist, sie auseinanderzuhalten. Bereits in der Anleitung auf der Homepage machen die Entwickler ihre Botschaft deutlich: Man kann weder gewinnen noch verlieren. Die Regeln sind einfach. Man kann aus der Luft Raketen auf einen dicht bevölkerten Marktplatz schießen. Dort laufen Terroristen umher. Mit jedem Schuss trifft man aber auch Zivilisten, die erst um die Opfer trauern und anschließend aus Wut selbst zu Terroristen werden. Eine provokant ausgetüftelte und spielerisch gelöste Analogie zur Realität.

    Marcus Bösch, Digitaljournalist und Dozent mit zehnjähriger Berufserfahrung, erklärt die Vorteile von News Games damit, dass der Rezipient eine Erfahrung machen kann, die er durch Artikel aus dem Printbereich nicht bekommt. Im News Game zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York steht der Spieler im World Trade Center an einem riesigen Loch, das eines der Flugzeuge verursacht hat. Er kann entweder ins Feuer laufen oder nach unten springen – einen Ausweg gibt es nicht. „Das klingt extrem makaber“, sagt Bösch. „Aber daran kann man schon die Idee der News Games sehen: Es wird eine Erfahrung generiert. Das kann auch die beste Reportage nicht, denn die ist zum Konsum geeignet, aber nicht um sie selbst zu erfahren.“

    Energetika

    Dennoch: Das News Game schlechthin gibt es noch nicht, wenngleich immer aufwändigere Spiele produziert werden. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde die Entwicklung des Spiels „Energetika“ beauftragt – es wurde zum besten Serious Game des Jahres 2011 gewählt. Der Spieler muss sich dabei als Energieminister für eine nachhaltige Stromversorgung für die nächsten 40 Jahre kümmern. An Spielen wie diesem erkennt man den Vorteil dieser News Games. Man kann Texte, die in der Zeitung stehen, zwar am Computer lesen. Man kann Radiobeiträge online hören, TV-Filme online sehen. Die wahre Interaktivität, das Dabei-sein, bietet nur der Computer mit diesen eigens entwickelten Games.

    In die Zukunft der News Games zu schauen, ist laut Bösch schwierig. Vor zehn Jahren habe noch niemand an YouTube oder Facebook gedacht, sagt er, heute sei das selbstverständlich. Nur eines kann er für das Jahr 2022 nahezu garantieren: „Ich bin sehr sicher, dass wir Spiele dann mit unseren Gedanken steuern.“ In wenigen Jahren werde es außerdem in jeder Cola-Dose und in jedem Schuh einen Chip geben, der Daten sammelt. Wo es Daten gibt, kann man etwas messen – und woraus man etwas messen kann, kann man ein Spiel machen. Dies alles könne dann kombiniert werden, so Bösch. „Eine Versicherung könnte zum Beispiel Extra-Prämien ausschreiben, wenn man zehn Kilometer am Tag geht.“ Der Chip im Schuh wird es messen.

    Für Datenschützer klingt dies nach einem Horrorszenario – womöglich ist es aber einfach nur die nächste Stufe der digitalen Evolution.

    “Gamification wird den gesamten Alltag erobern” (Audio-Interview)
    Der Journalist Marcus Bösch ist Experte für digitale Medien und beschäftigt sich intensiv mit Serious Games. Im Gespräch mit Matthias Faidt erklärt Bösch, wie der Journalismus von Serious Games profitieren kann, warum man sich als syrischer Demonstrant gegen einen Panzer stellt und warum bald in jeder Cola-Dose Daten über uns gesammelt werden.


  2. Ein Code zeigt was, was du nicht siehst!

    Januar 20, 2012 by brungs

    Das Leben auf den zweiten Blick
    Von Stephanie Brungs

    Wir haben schon viele verrückte, aber auch nützliche Augmented-Reality-Experimente gesehen von denen wir immer dachten, sie lägen noch weit in der Zukunft. Heute ist es möglich, wie Arnold Schwarzenegger in Terminator durch die Stadt zu gehen und sämtliche Informationen zum Gesehenen direkt vors Auge zu projizieren. Ebenso lässt Augmented Reality heute Mädchenherzen höher schlagen, die wie Cher und Dionne aus dem Film Clueless Klamotten ohne Anprobe im Laden, sondern gemütlich über die Webcam shoppen wollen. Was Filme aus den 90 er Jahren vorhersahen, ist durch die wachsende Digitalisierung der letzten Jahre und den damit verbundenen technischen Möglichkeiten wahr geworden.

    Es wird der Adobe Flash Player benötigt und im Browser muss Javascript aktiviert sein.

    Augmented Reality ist mittlerweile in allen Lebensbereichen einsetzbar und lässt uns die Welt nun ganz anders entdecken. So werden starre Kinoplakate zum bewegten Trailer, Lebensmittel im Supermarkt zum fertigen Gericht oder eine Sehenswürdigkeit selbst zum Reiseführer. Die technische Entwicklung ist komplex und kompliziert. Die Anwendung jedoch einfach und  schnell erklärt: Man richtet seine Handykamera auf einen mit einem Code versehenen Gegenstand oder einen Ort, der durch GPS identifizierbar ist. Eine auf dem Handy installierte App recherchiert anhand dieser Anhaltspunkte nach Informationen und zeigt diese daraufhin auf dem Handy-Bildschirm an. Es ist das Leben auf den zweiten Blick. Augmented Reality lässt somit die reale mit der digitalen Welt zerfließen und soll das Leben der Nutzer auf vereinfachte Weise erweitern.

    Inzwischen hat Augmented Reality aber nicht mehr nur einen technischen oder informativen Zweck, sondern mutiert immer mehr zum Lifestyle. So setzen nun auch Modemarken, Spielefirmen oder Tätowierer auf Augmented Reality als reine Unterhaltungserweiterung ohne nützlichen Zweck. Auf Adidas Schuhen entstehen nun ganze Städte, Lego lässt seine Spielzeuge durch den Laden fliegen und Tätowierungen können plötzlich sprechen.

    Was für die einen pure Unterhaltung ist, könnte für den Journalismus die Chance sein Informationen innovativ zu gestalten. Besonders für den Print bietet Augmentet Reality zahlreiche Erweiterungsmöglichkeiten, die ihn vom Aussterben bewahren könnten.

    Das weltweit erste animierte Augmented-Reality-Tattoo

    Als erste deutsche Tageszeitung nahm die Koblenzer Rhein-Zeitung (RZ) Augmented-Reality-Codes in ihr Blatt auf. Allerdings einmalig. Die Aufmerksamkeit richtete sich da ganz auf das RZ-Maskottchen “Summ”, welches singend über die von der Kamera aufgenommene Zeitung schwirrte.  Animierte Bienchen oder änliches sollten aber nicht das Ende vom Lied der erweiterten Realität im Journalismus sein. Oder?

    Dieses Heft lebt!
    Von Daniela Wennmacher

    Ein singender, wild gestikulierender Udo Lindenberg, die Twin Tower von New York zu ihrer schönsten Zeit oder ein ergreifendes Video von Zeitzeugen des 11. Septembers 2001. Das alles gibt es jetzt in einem deutschen Printmagazin. Der Stern macht einen Trend vor, von dem viele Printjournalisten schon lange träumen. Sein Name: Augmented Reality. 

    Der Stern macht es vor: Augmented Reality im Journalismus

    Mit seiner Septemberausgabe 2011 brachte der Stern als eines der ersten, weltweiten Magazine ein crossmedial erweitertes Magazin heraus. Auf insgesamt 15 Seiten wurde das Heft neben seinen üblichen Artikeln durch 3D-Grafiken, lebhafte Animationen, Interviews oder musikalische Beilagen zum Leben erweckt. Ein Leseerlebnis der Extraklasse. Dabei handelte es sich bei den digitalen Spielereien durchaus um nützliche Zusatzinformationen für den Leser. Besonders künstlerische Beiträge wie Musik oder szenische Beschreibungen eines Ortes werden allein durch journalistische Texte nicht immer optimal übermittelt. Durch Augmented Reality kann ein Printmagazin dieses Manko beseitigen. Der Stern ermöglicht mit dem Hamburger Michel oder Ground Zero in 3D-Qualität den Lesern, die noch nie vor Ort waren, einen neuen realen Einblick.

    Besonders beeindruckend ist die crossmediale Umsetzung des Sterns zu den Anschlägen des 11. Septembers. Die Verbindung von traditionellen Print-Berichten, Animationen, bewegten Bildern zu der Tragödie sowie Interviews mit Zeitzeugen erschaffen ein Lesefeeling, welches in die schlimmsten Stunden der Geschichte New Yorks zurückversetzen soll. Für den journalistischen Ausflug in die AR benötigt man neben der genannten Sternausgabe, eine spezielle Stern APP (kostenlos) sowie ein Smartphone oder Tablet. Auf Knopfdruck und mit etwas Geduld wird Udo Lindenberg einem dann, egal wo, ob in der Bahn, in der Uni oder Zuhause ein Liedchen trällern.

      

    Der Stern ist dabei nicht das einzige Magazin, welches die Realitätserweiterung im Journalismus ausprobiert. Auch das Süddeutsche Zeitung Magazin nutzte in der August-Ausgabe 2011 die durch Augmented Reality gebotene Crossmedialität. In Irland erscheint mit dem Metro Herold mittlerweile sogar die erste Tageszeitung in Verbindung mit Augmented Reality.

    Der journalistische Wert ist also durchaus gegeben. Die Verbindung herkömmlicher Artikel mit Videos, Audiomaterial, Grafiken, Animationen oder Spielen erweitert sowohl den Informationsgehalt einer Zeitung, wie das Leseerlebnis der Rezipienten. Gerade in Bezug auf junge Leser könnte der Trend positive Auswirkungen haben und den Rückgang der Printmedien stoppen. Aber auch für Werbekunden ist die Entwicklung durchaus interessant. So könnten diese dank AR bald auch in Printmedien Anzeigen mit Werbefilmen und Animationen verbinden. Man darf gespannt sein, wie und ob sich Augmented Reality im Journalismus durchsetzen wird und kann. Einen informativen Wert und den zusätzlichen Lesespaß bringt es allemal.

     


  3. Der gläserne Reporter – Wenn Journalisten ihre Karten offen auf den Tisch legen

    Januar 19, 2012 by schaper

    Von Pia-Kim Schaper und Patricia Castillo

    Die Zeiten, in denen Journalisten auf eigene Faust und abgeschottet von Konkurrenz und Öffentlichkeit nach der Wahrheit suchen, sind vielerorts vorbei. Inzwischen entscheiden immer mehr Medienmacher, Einblick in ihre Arbeit zu geben – freiwillig, wohlgemerkt. Sie teilen ihre Projekte und Arbeitsschritte mit der Öffentlichkeit, Redaktionen lassen ihre Leser mitreden und Tipps geben.

    Diese Art der Einspannung des Publikums zur Beantwortung von Fragen wird als Crowdsourcing bezeichnet (zusammengesetzt aus den Worten “Outsourcing” und “Crowd”). Der Begriff wurde im Jahr 2006 von Jeff Howe in einem Artikel für das “Wired”-Magazin zum ersten Mal erwähnt. Die Crowd meint dabei eine Vielzahl von Internetnutzern. Meist handelt es sich dabei nicht um eine unbestimmte Masse, sondern um eine gefestigte Community, die Zugriff auf Projekte auf einer Website habt. Diese Gemeinschaft arbeitet kollaborativ zusammen an einer Herausforderung.

    Aus Firmensicht ist Crowdsourcing ein Wertschöpfungsprozess, bei dem sich Leute von außerhalb eines Unternehmens an Problemlösungen beteiligen. Dieser Prozess kann äußerst kostensparend sein, sofern die Teilnehmer für ihre Dienste kein Geld verlangen. Mittels eines offenen Aufrufs verkündet zum Beispiel eine Internetplattform eine anstehende Aufgabe – die externen Problemlöser entscheiden nun, ob sie mitwirken oder nicht. Eine solche Zusammenarbeit kann sehr ergiebig sein, da die Community wertvolle Informationen liefern kann. Der Austausch führt außerdem dazu, die User stärker an das Medium zu binden.

    Vor- und Nachteile in der Theorie

    Das Crowdsourcing bietet für die Medienwelt eine Fülle von Vorteilen. Wenn Journalisten die Crowd über eine Plattform wie Twitter, Facebook oder einen Blog befragen, können sie Zusatzinformationen bekommen; die Auskunft solcher Insider ist auf herkömmlichem Weg häufig nicht zugänglich. Wobei natürlich auch hier die journalistische Sorgfaltspflicht gilt, Informationen also im Zweifel nachrecherchiert werden müssen. Zudem können Redakteure gezielt auf die Themenvorschläge und Wünsche von Lesern eingehen und sie bei ihrer redaktionellen Arbeit berücksichtigen. Auf diesem Weg kann die Redaktion unter Umständen viel Zeit einsparen.

    Doch es hat nicht nur Vorteile, sich als Journalist der Leserschaft derart zu öffnen. Gegen diese Vorgehensweise spricht etwa, dass Konkurrenzmedien die Rechercheergebnisse oder -anreize für sich verwenden können. Weiterhin dürfen und sollten nicht alle Themen öffentlich besprochen werden, da einige Inhalte zu brisant sind, um sie vor der Publikation zugänglich zu machen. Außerdem ist es sehr zeitaufwändig, alle Vorschläge zu sichten – und diese Zeit fehlt oftmals im schnelllebigen Journalismus.

    Und in der Praxis?

    Das hört sich alles recht abstrakt an, wird aber in der Praxis tatsächlich schon seit geraumer Zeit von Redaktionen sowie einzelnen Journalisten betrieben. Ein gutes Beispiel ist der “Guardian”. Seit Oktober 2011 arbeitet die britische Zeitung mit einer öffentlichen “Newslist”. Diese normalerweise streng geheime Liste mit geplanten Themen gibt redaktionsintern vor, welche Nachrichten von Bedeutung und geplant sind. Teilweise werden in Großbritannien hohe Schmiergelder gezahlt, um Einblick in die Planung eines Konkurrenzblattes zu erhalten.

    Die "Open Newslist" des "Guardian" (Screenshot, 19.01.2012)

    Die "Open Newslist" des "Guardian" (Screenshot, 19.01.2012)

    Natürlich legt auch der “Guardian” nicht seine komplette Liste offen – das wäre zu riskant, da die Konkurrenz wie erwähnt einfach “abschreiben” könnte. Allerdings werden viele Themen aus verschiedenen Bereichen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zum Beispiel welche Wirtschaftsmeldung für wann geplant ist und wer sich darum kümmert.

    Die Leser können dann an die Redaktion schreiben, welche Ereignisse sie als wichtig erachten oder den jeweiligen Redakteur kontaktieren und eventuell Anregungen und Insider-Informationen weitergeben.

    Zwar kostet dieses Verfahren Zeit – wenn sich die Redaktion mit so vielen der Rückmeldungen beschäftigen will wie möglich -, aber die Zeitung erhält auf diesem Weg möglicherweise Informationen, an die sie sonst nicht oder nicht so einfach gekommen wäre, und erhält Anregungen zu Themen, auf die sie vielleicht gar nicht gestoßen wäre. Dadurch erfahren die Redakteure außerdem, was ihre Leser interessiert – ein nicht zu unterschätzendes Gut auf dem konkurrenzreichen Medienmarkt. Nicht zu vergessen: Es schafft eine stärkere Leserbindung, wenn diese sich beteiligen können und das Gefühl haben, nicht nur einen Leserbrief zu schreiben, dessen Botschaft verhallt, sondern wirklich ernst genommen zu werden.


  4. “Amerika von gestern”

    Januar 13, 2012 by Lisa Davidson

    Auf den Spuren des Prison Valley

    Die schwarze Wolke überzieht die Berge Colorados wie Pech und Schwefel. Sie verdunkelt die weiten, dürren Ebenen des Tals, bedeckt die wenigen Straßenzüge und versetzt  die Kleinstadt Canon City in ein schauriges Licht. Doch diese Szene ist nicht etwa der düstere Schauplatz eines neuen Hollywood-Blockbusters, sondern der Beginn einer neuen Art von Web-Dokumentation namens Prison Valley der französischen Journalisten Philippe Brault und David Dufresne.

    Die leeren Straßenzüge rauschen vorbei. Nur vereinzelt lassen vor Fastfood Ketten geparkte Autos auf Leben in dieser Einöde schließen. Doch wer hier wohnt, dem hängt nicht mehr viel an seinem Leben als freier Mensch. Selbst diejenigen, denen der Staat noch keine Ketten an Handgelenke und Füße gebunden hat, sind durch ihre Ohnmacht an das Gefängnissystem Amerikas gebunden.  

    In der interaktiven Dokumentation können Internetnutzer selbst den Geheimnissen Canon Citys auf die Spur gehen und einen Blick hinter die dicken Gitter der Staatsgefängnisse werfen. Ob Hintergrundinformationen aus Zeitungen oder Fernsehen, Telefonate oder Gespräche mit Ortansässigen und Gefängnispersonal – das interaktive Motelzimmer in Freemont County bietet den Zuschauern allerhand Möglichkeiten, außerhalb des autonomen Erzählstrangs Zusatzinformationen zu erhalten oder mit anderen Zuschauern in direkten Kontakt zu treten, um mit eigenen Augen einen etwas anderen Blick auf die Gefängnisse im Prison Valley zu werfen.

     

    Prison Valley

    Eingangsbereich zum Prison Valley

    Ketten klirren, die immer monotone und gleiche unruhige Musik im Hintergrund lässt auf den eintönigen und aussichtslosen Alltag der Häftlinge schließen. Kopflose Wärter, durch Sicherheitsschuhe geschützt und mit Schlagstöcken und harter Munition bewaffnet, legen zahllosen neuen Häftlingen Handschellen und Fußketten an.

    Für Christie Donner, einer Verfechterin der Strafrechtsreform, ist dieses Bild Alltag. Um ihre Geschichte zu hören, müssen die Zuschauer nach Denver, die eigentliche Hauptstadt Colorados, reisen. Sie hat für die Existensberechtigung des Prison Valley eine ganz eigene Theorie:  „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Während des immer härter werdenden Kampf gegen die Drogen werden immer längere Haftstrafen angewandt und die Verbrecher soweit es geht aus der Gesellschaft verbannt. Die Einöde des Prison Valley eignet sich dafür perfekt.

    Philippe Brault und David Dufresne lassen den Zuschauer mit kurz aufeinander geschnittenen Videosequenzen, bewegenden Bildern und hybriden Formaten Teil der 36.000 Seelen-Gemeinde werden, die sprichwörtlich um die 13 Gefängnisse und 7731 Häftlinge gewachsen ist. Denn mit den hoch-modernen Gefängnissen wie dem “Supermax” als Wirtschaftssekor kommt Canon City einer Modellstadt gleich, die keine Rezessionen kennt.

    Motelzimmer

    Motelzimmer mit Hinweisen und Informationen zum Prison Valley

    Meter hoher Stacheldraht umzieht die riesigen Gebäudekomplexe, von Überwachungstürmen und Flutlichtanlagen umrungen. Selbst wer durch dieses Labyrinth an Gängen, Sicherheitsschleusen und modernen Überwachungsanlagen einen Weg nach außen findet: Wo soll es hingehen? Die kilometerlange Dürre Colorados wird für keinen ausgebrochenen Häftling ein geeignetes Versteck bieten.

    Prison Valley ist der gelungene Versuch, dem Medium Film ein neues Format zu geben, indem das Publikum nicht nur Zuschauer, sondern auch Mitgestalter werden kann. Neben den Zusatzinformationen im Film werden zudem Links zu externen Angeboten und ein Diskussionsforum geboten, das auch vor grundsätzlichen Fragen nach Ethik und Wirksamkeit des Wegsperrens von Straftätern nicht zurückschreckt. Ein grundlegender Unterschied zur Situation im Prison Valley.

    Denn in Canon City herrscht laut der Journalistin Erin Rosa, die den Missständen im Gefängnisystem nachspürt, vor allem ein ungeschriebenes Gesetz: Das Gesetz des Schweigens. Prison Valley trotzt diesem Gesetzt und zeigt einen erschreckenden Blick in die Zukunft Amerikas. Ein Blick in eine Welt mit hochmodernen Gefängnissen, in denen das Individuum keine Rolle mehr spielt, sondern nur noch ein durchorganisiertes Aufbewahrungssystem für abgestempelte Prototyen und minderwertige Gesellschaftsschichten durchgespielt wird.

    Über die sandigen Highways, die sich kilometerlang kerzengerade durch die Einöde Colorados ziehen, können die Zuschauer das beklemmende Tal der Gefängnisse wieder verlassen. Doch Philippe Brault und David Dufresne haben auf beklemmende und dennoch beeindruckende Weise verdeutlicht, dass für viele Amerikaner die winzigen Zellen und die sterilisierten Gefängnistrakte das letzte sein werden, das sie vom ihrem Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sehen bekommen.

     


  5. Die digitalen Spuren von Malte Spitz

    Januar 9, 2012 by heinze


    Von Nadine Heinze

    Seit geraumer Zeit zeigt Zeit Online, wie guter Datenjournalismus aussehen kann- und dies mit Erfolg. Für das Projekt “Verräterisches Handy: Sechs Monate im Leben des Malte Spitz” erhielt das Medium neben dem Grimme Online Award als erste deutsche Redaktion den Online Journalism Award.

    Die Auszeichnung ist eine Ehrung für eine beeindruckende Leistung. Das Team, welches sich aus den Zeit-Online-Redakteuren Kai Biermann, Sascha Venohr sowie dem freien Journalisten Lorenz Matzat und den Entwicklern Tibor Bogun und Michael Kreil zusammensetzt, erstellte ein ausführliches Bewegungsprofil des Grünen-Politikers Malte Spitz. Der hatte die Informationen eingeklagt, welche die Deutsche Telekom auf Basis der Vorratsdatenspeicherung über ihn gespeichert hatte – und stellte sie dann für die Recherche zur Verfügung. Spitz’ Handy war in den erfassten sechs Monaten zu 80 Prozent der Zeit eingeschaltet. Demnach werteten die Journalisten insgesamt über 35.000 Mobilfunkverbindungen aus und errechneten für die 260.640 Minuten den Aufenthaltsort.

    Auf dieser Grundlage können aus dem erstellten Bewegungsprofil von Malte Spitz viele persönliche Informationen entnommen werden. Die Daten enthüllten unter anderem die Länge eines durchschnittlichen Telefonats oder seinen Tagesrhythmus. Darüber hinaus konnten durch die Blog- und Twittereinträge des Politikers die Aktivitäten sowie besuchte Veranstaltungen visualisiert werden.

    Keine Frage: Das Beispiel “Verräterisches Handy” hält uns vor Augen, dass jeder in unserem digitalen Zeitalter Spuren hinterlässt. Hätten Sie sich vorstellen können, dass die Speicherung simpler Handydaten solch eine enorme Menge über einen selber preis geben kann?

    Das Thema Vorratsdatenspeicherung war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in den Medien bereits ausführlich diskutiert worden. Doch die Zusendung der Daten von Malte Spitz eröffnete eine völlig neue Perspektive zur Abhandlung dieser Problemstellung. Ziel der Zeit-Online-Redaktion war es, zu zeigen, wie detailliert die Informationen tatsächlich sind. Es sei interessant gewesen zu erarbeiten, wie viel man alleine auf Basis von Daten über einen Menschen erfahren kann, sagte Zeit-Online-Entwicklungsredakteur Sascha Venohr bei einem Besuch an der Macromedia.

    Insgesamt ist festzuhalten: Das gezeigte Beispiel ist eine Leistung, die dem modernen Online-Journalismus entspricht. Der Mut, Zahlen und Fakten datenjournalistisch aufzuarbeiten, hat sich ausgezahlt. Weitere deutsche Medien sollten die letzten Hürden überwinden und diese Art der Darstellung als feste Nische in ihrer Redaktion verankern. Denn sie vergeben andernfalls die Gelegenheit, den eigenen Lesern neue Wege der Berichterstattung über Hintergründe zu eröffnen. Zwar werden sie es schwer haben, sofort an die Leistungen von Zeit Online oder internationaler Medien wie dem “Guardian” anzuknüpfen. Zweifellos aber werden die Journalisten das notwendige Gespür für diese Darstellungsform mit der Zeit entwickeln und den Datenjournalismus als Chance für die Weiterentwicklung ihres Mediums begreifen.


  6. Crowdsourcing – Chance oder Niedergang des Journalismus?

    Januar 2, 2012 by Philipp Pander

    Crowdsourcing, übersetzt: Schwarmauslagerung. Was sich etwas weltfremd anhört befindet sich im Journalismus auf dem Vormarsch und lässt sich am einfachsten anhand eines Beispiels erklären. Als Anfang August 2011 tagelange Unruhen den Londoner Stadtteil Tottenham in einen Ausnahmezustand versetzten, war es für die englischen Medien schwer, den Überblick über die Gesamtsituation zu wahren. Die Reporter konnten schließlich nicht gleichzeitig an allen Brennpunkten sein.

    Darauf reagierte die Tageszeitung „The Guardian“ und rief seine Leser dazu auf, ihre Eindrücke der Unruhen an die Redaktion zu schreiben. So wurden die Artikel der Reporter mit den externen Informationen angereichert. Crowdsourcing bedeutet also im Journalismus, dass sich die Redaktionen die Manpower einer breiten Masse zu Nutze machen. So lässt sich mittels Crowdsourcing eine Vielzahl an Menschen auf spezifische Themen ansetzen, um so an medienrelevante Informationen und Inhalte zu kommen. Auf den ersten Blick birgt Crowdsourcing nur Vorteile für den Journalismus: Die Redaktionen sparen Personalkosten, die Recherche wird vereinfacht und die Berichterstattung fällt detaillierter aus. Doch das wäre zu kurz gedacht.

    Denn die Entwicklung hin zum Crowdsourcing hat auch Schattenseiten: Kritische Stimmen besagen, dass der Journalist in Zukunft einen Großteil seiner Arbeitszeit als Kurator verbringen wird, der Informationen nicht selbst einholt, sondern nur filtert und einordnet. Kritik gibt es auch an der Herkunft der Informationen, da die Quellen oftmals nicht zurückverfolgt und verifiziert werden können. Wie der Stand des Crowdsourcings in Deutschland ist, welche Bedeutung das Guttenplag hat und warum die beruflichen Veränderungen für die Journalisten auch positiv sein können erklärt Bernd Oswald. Robert Simbeck hat den Journalisten, Dozenten für Onlinejournalismus und Experten im Bereich des Crowdsourcings interviewt:

    Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

    Crowdsourcing ist eine Gratwanderung. Das Potential, Informationen durch das Volk zu erhalten, das in der heutigen Zeit oft mit Kameras und Mobiltelefonen unterwegs ist, ist riesig. Die daraus resultierende Qualität der Erzeugnisse hängt aber stark davon ab, mit wie viel Erfahrung und Genauigkeit man sich in den Redaktionen, den Informationen der breiten Masse widmet. Sollten sich Redaktionen für die Arbeit mit Crowdsourcing entscheiden, müssten sie einen Spezialisierungsprozess durchlaufen und ihre Journalisten dementsprechend einbinden. Geschähe das nicht, wäre das Risiko hoch, dass Informationen ungeprüft verpulvert und Journalisten durch Laien einfach nur ersetzt würden.

    Die Folge dessen wäre zwar eine Kostenreduktion, gleichsam aber auch der Verlust an Qualität und Glaubwürdigkeit in der Berichterstattung. Bei richtiger Handhabe kann Crowdsourcing vielfältig und für alle Beteiligten positiv eingesetzt werden: Nicht nur Material und Wissen kann für Berichterstattungen gesammelt werden, auch riesige Datenmengen lassen sich schnell analysieren (siehe Guttenplag). Durch gegenseitige Kontrolle lassen sich Quellen und Inhalte verifizieren sowie ganze Projekte durch Crowdfunding finanzieren.

    Crowdsourcing muss zudem nicht bedeuten, dass zu den finalen Erzeugnissen nur zurecherchiert wird. Die Grenzen von Crowdsourcing und User-Generated-Content sind fließend. Auch eigene journalistische Erzeugnisse der Masse finden Veröffentlichungen, wie folgendes Beispiel zeigt: Das Sportportal SPOX steht für nahezu minutenaktuelle
    Berichterstattung und bedient sich gerne der Ideen seiner User. Auf diese Weise schuf sich SPOX eine große, treue und vor allem interaktive Leserschaft, die durch eigene Informationen immer wieder Einfluss auf die Berichterstattung der Redaktion nahm.

    In der Vorweihnachtszeit 2011 kochte das Transfergebaren in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA kurz vor Saisonbeginn. Selbst die größten Experten taten sich schwer, bei all den Spielerwechseln und Gerüchten den Überblick zu behalten. Da meldeten sich einige SPOX-Leser und schlugen vor, einen eigenen Ticker über das Neueste aus der NBA einzurichten und fanden redaktionelles Gehör. Unter Eigenregie – die User arbeiteten nach selbst entworfenen Dienstplänen sogar nachts –, durch eigene Recherche machten die Nutzer den NBA-Transfer-Ticker „Rund um die NBA“ unentgeltlich zu einem Erfolgsprojekt für die Webseite.

    Dafür durchforstete eine Vielzahl von Usern den US-amerikanischen Online-Dickicht, um die jeweiligen Schreiberlinge mit Infos zu füttern, sich gegenseitig zu kontrollieren und korrigieren. Im Fünf- bis Zehn-Minuten-Takt erschien so ein neues Gerücht im Ticker. Alles unter der Aufsicht der Redaktion. Bis zu 50.000 Klicks generierten die Ticker täglich.

    Nicht nur die Medien profitieren vom Crowdsourcing, auch die Bevölkerung macht sich die Schwarmauslagerung zu Nutze. Mit Storify beispielsweise hat Jeder die Möglichkeit, eine crossmediale Auflistung zu einem spezifischen Thema für sich und die Umwelt zu erstellen. Wir veranschaulichen Euch damit noch einmal das Thema „Crowdsourcing“:   

     



  7. Mobiler Journalismus auf dem Weihnachtsmarkt

    Dezember 21, 2011 by neumann

    Eindrücke vom Gerhart-Hauptmann-Platz: Experimente mit Soundcloud, UStream, Twitter und Co. mit dem Cross-Media-Kurs.

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  8. Der Journalist als Marke

    Dezember 20, 2011 by Alexander Kobs

    Richard Gutjahr und Ulrike Langer haben es vorgemacht. Die beiden Journalisten  gehören zu den Shootingstars der Webszene. Durch gezieltes Bloggen und ein ausgeklügeltes Selbstmarketing haben sie geschafft, was bisher vor allem Unternehmen vorbehalten war: Sie haben sich selbst als Marke etabliert.  

    Von Jurek Rohrberg und Alexander Kobs

     

    Das Netz gleicht einer großen Vitrine, in der jeder seine Trophäen ausstellen kann. Doch wer möchte schon die Mitleids-Medaille für einen letzten Platz aus grauer Vorzeit zur Schau stellen? Genau dort, wo sie alle sehen können. Niemand!

    Mit einer durchdachten und strukturierten Selbstvermarktung kann so etwas verhindert werden. Mehr noch: Mit dem nötigen Wissen, etwas Zeit und der richtigen Strategie kann jeder einzelne von uns sein Online-Profil schärfen. Besonders für Journalisten bieten die Weiten des Internets zahlreiche Möglichkeiten, sich zwar transparent, aber doch kontrolliert zur Schau zu stellen. Mit den richtigen Mitteln und Tipps kann schnell der Grundstein dafür gelegt werden, zur Marke im Netz aufzusteigen.

    Zwei Vorbilder: Richard Gutjahr mit seinem Blog gutjahr.biz und Ulrike Langer mit der Online-Plattform medialdigital.de. Sie rufen in den Köpfen der Konsumenten eine bestimmte Vorstellung hervor, übernehmen also gewissermaßen eine Identifikationsfunktion. Sie präsentieren ihr Know-How über diverse Kanäle und sind so zu Experten in ihrem Gebiet – in beiden Fällen sind es unter anderem medienjournalistische Themen und Technologie – aufgestiegen. Gutjahr beispielsweise reiste vergangenes Frühjahr auf eigene Faust nach New York, um beim Verkaufsstart des iPads als Erster das  neueste Apple-Produkt in den Händen halten zu dürfen. Das dokumentierte er live in seinem Blog. Auch eine Reise nach Ägypten, um von den Protesten gegen Präsident Hosni Mubarak zu berichten, brachte dem Newcomer großes Lob ein. Gutjahr steht mit seinem Namen für diese Art der journalistischen (Einzel-)Arbeit. Stiftung Warentest würde sicherlich das Prädikat “Wertvoll” vergeben. Genau wie an Langer.

    Durch die professionelle Darstellung im Netz reflektieren sie als besonders schöne Fische im großen Journalisten-Teich. Das macht an, das erweckt Interesse. Nicht nur bei Kollegen und Rezipienten, sondern vor allem bei potentiellen Kunden.

    “Super Freelancers”

    “Wir werden [...] eine Kombination aus angestellten Journalisten erleben, die nicht so gut bezahlt sein werden wie in der Vergangenheit, und sehr prominenten Journalisten, die für verschiedene Medien arbeiten und praktisch als eigene Marke auftreten: die ‘Super Freelancers’”, sagt Tom Rosenstiel, Gründer und Direktor des Project for Excellence in Journalism in Washington.

    Markenbildung – so wichtig wie nie? Getreu dem Motto “Jeder ist seines Glückes Schmied” bieten kostenlose Plattformen wie WordPress, Twitter und Flickr ein Paradies für selbstständig und crossmedial arbeitende Journalisten. Angefangen beim eigenen Blog, in dem sich der Journalist austoben und seine Kernkompetenzen darstellen kann, gibt es unzählige Möglichkeiten.

    Social-Media-Anwendungen dienen außerdem hervorragend zum Netzwerken und dazu, direkt mit der Zielgruppe in Kontakt zu treten. Journalistin Ulrike Langer hat das perfektioniert. “Möchte jemand gratis das neue t3n Magazin mit meinem Aufmacherbeitrag über Selfpublishing haben? Ich kann noch 8 Exemplare verschenken. Bei Interesse bitte eine Mail an mail [at] medialdigital.de mit Versandadresse schicken”, postete sie unlängst bei Facebook.

    Journalisten müssen anfangen unternehmerisch zu denken. Sie müssen sich selbst verkaufen. Durch den Aufbau einer Marke schaffen sie Vertrauen in ihr Produkt. In ihren Text. In ihren Film. Sicherlich gilt das zwar vor allem, aber eben nicht nur für Selbstständige. Wo Gutjahr draufsteht, ist auch Gutjahr drin. Der Rezipient findet Gefallen an ihm, seiner Persönlichkeit, seinen Geschichten und will mehr lesen – und zwar egal wo. Ein Autor mit so einer großen Fangemeinde kann sich sein Medium beinahe aussuchen. 

    Aber der Weg von einem No-Name-Produkt zur einzigartigen Marke ist lang und kann anstrengend sein. Ulrike Langer hält unentwegt Vorträge, nimmt an Podiumsdiskussionen teil  und stellt ihre Vortragsfolien dann frei im Internet zur Verfügung. Ziel: Sie möchte ihren Namen noch bekannter machen, ihren Marktwert weiter steigern und neue Kunden auf sich aufmerksam machen.

    Interessante Instrumente für die Verbesserung der eigenen Online-ID findet ihr zum Beispiel hier. Hilfreich und kostenlos – damit kann irgendwann jeder zur Marke werden. Aber natürlich nur, wenn er auch wirklich was auf dem Kasten hat.

     

     

     


  9. Datenjournalismus aus erster Hand

    Dezember 13, 2011 by Franziska Richter

    Wie der DataBlog des „Guardian“ mit einer einfachen Idee die Proteste der Occupy-Bewegung veranschaulichen konnte

    Von Franziska Richter und Pia Gurgel

    Es ist der 17. September 2011. Wenige Tage nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestage der Anschläge des 11. September hat sich wieder eine Menschenmenge in Manhattan versammelt. Doch geht es ihnen nicht um stilles Gedenken oder Erinnerungen, sondern um einen sehr lauten Protest: Mehrere hundert Demonstranten haben sich im Zuccotti Park nahe der Südspitze von Manhattan zusammengefunden, um gegen die Macht des Kapitalismus, der Finanzmärkte und der Banker an der Wall Street zu protestieren.  Die „Occupy Wall Street“-Bewegung beginnt.

    Von New York breiten sich die Proteste über die ganze Welt aus. Einen Monat später, am 15. Oktober, gibt es global in rund 1000 Städten ähnliche Demonstrationen. Allein in Deutschland beteiligen sich rund 40.000 Menschen, die meisten davon in der Banken-Metropole Frankfurt am Main. Auch in Hamburg, München, Köln, Düsseldorf und Stuttgart gibt es Aktionen.

    Um diese rasante Ausbreitung der Occupy-Bewegung anschaulich zu machen, hatte der britischen „Guardian“ eine simple Idee: Das Medium installierte eine Weltkarte auf seinem „DataBlog“, mit dem Ziel, die weltweiten Proteste zu sammeln und anschaulich zu machen. Angefangen mit einer kleinen bereits bestehenden Datenmenge waren alle User aufgerufen, die Karte mit ihren eigenen Einträgen zu füllen. Mit Hilfe eines Formulars können die Orte der Occupy-Demonstrationen gemeldet werden, sodass sie nach einer Prüfung durch die Redaktion dann auf der Weltkarte veröffentlicht werden.

    Innerhalb kürzester Zeit kamen auf diesem Wegen Meldungen von Occupy-Bewegungen und –Camps auf der ganzen Welt hinzu. Durch die Ansicht einer Weltkarte wurde die globale Ausbreitung umso deutlicher. Mittlerweile wurden hier mehr als 750 Events eingetragen und markiert.

    Die Vorreiterrolle des „Guardian“ im Bereich des Datenjournalismus wird genau durch solche Projekte immer wieder deutlich. Im Rahmen der Open-Data-Idee geht es nicht nur um Recherchen in Datenbanken, sondern vor allem um die Sammlung und Aufbereitung öffentlich zugänglicher Informationen. Wie in diesem Fall ruft der „Datablog“ Leser immer wieder zur aktiven Mithilfe auf. Bereits 2009 etwa sichteten sie frei zugänglichen Parlaments-Dokumenten über die Spesen der Unterhaus-Abgeordneten. Es folgte die Aufbereitung der von Wikileaks veröffentlichen Dokumente über die Kriege in Afghanistan und dem Irak. Ohne die Mithilfe der Allgemeinheit könnte das Team des „Guardian“ viele große Datenmengen gar nicht in einer angemessenen Zeit sichten und einordnen.

    Die Macher des „Datablogs“ erkannten häufig als erste, welche Möglichkeiten für eine Umsetzung einer Geschichte sich durch Datenjournalismus ergeben. Journalisten sollten sich darauf einstellen, dass diese Art des Arbeitens zu einem wichtigen Faktor für ihre beruflich Zukunft werden könnte.


  10. “Was daran ist bitte Journalismus?”

    Dezember 12, 2011 by neumann

    Datenjournalismus, Audio-Slideshows, mobiler Journalismus, Cross-Media, Multimedia Specials, Open Data, Crowdsourcing – die Begriffe haben vieles gemeinsam: Einige von ihnen werden gerne als Buzzwords abgetan, ihre Streuung in der Medienbranche als eine aufgeplusterte Art, mögliche Zukunftsszenarien des Journalismus wichtiger erscheinen zu lassen als sie das möglicherweise sind. Sie sind auch aufregend, weil eben doch mehr dahinter steckt als plakative Beschreibungen das vermitteln können und weil sie auf die ein oder andere Weise den Journalismus der Zukunft mitgestalten.

    Vor allem aber lösen sie auch immer wieder eine Reaktion aus:

    Was daran ist bitte Journalismus?

    Dem ging der Journalist und erfolgreiche Web-Unternehmer Adrian Holovaty (EveryBlock) schon vor einigen Jahren in einem wegweisenden Artikel auf den Grund und schloss, die Frage sei “eine akademische”. Journalisten, so schrieb er, “sollten sich weniger darum sorgen, was “Journalismus” ist und was nicht und mehr um wichtige, fokussierte Informationen, die nützlich sind und Menschen helfen, die Welt zu verstehen”.

    Ob die Leser diese Informationen nun auf Papier oder auf dem iPad konsumieren, unterwegs oder am Frühstückstisch, sollte dabei erst einmal zweitrangig sein. Dass es “nur im Vordergrund um das Trägermedium geht”, fasste kürzlich der freie Journalist Lorenz Matzat auf Netzpolitik.org zusammen. Vielmehr gehe es um die Umorientierung einer ganzen Branche. Eine Branche, die ihre Zerrissenheit jedoch gerne öffentlich zelebriert.

    Um es mit Sueddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger zu sagen:

    “Die meisten Journalisten lieben Revolutionen, wenn sie darüber berichten dürfen. Die meisten Journalisten hassen Revolutionen, wenn sie selbst deren Gegenstand sind.”

    Wir hassen sie nicht, sondern schauen sie uns genau an. Und damit ein herzliches Willkommen im “Medialab”-Blog der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, enstanden im Winter 2011 im Siebtsemester-Seminar Cross-Media. Erstmals gestalten und befüllen Studierende der Standorte – Hamburg, Köln, München – ein gemeinsames Blog. Hier teilen die angehenden Bachelor-Absolventen ihre Gedanken zur cross-medialen Zukunft und dem Umdenken im journalistischen Alltag, stellen Visionäre und ihre Vorstellungen vor und hinterfragen kritisch: Ist das noch Journalismus?