Beitrag vom 16. Mai 2011
Der Eingangsbereich ist so voll, dass niemand mehr hinein passt. Alle drängen sich dicht vor einer Landkarte Asiens, die als Treffpunkt dient. Eine zierliche kleine Frau, Anfang Fünfzig, steht lächelnd vor der Karte…
Von Helen Ahmad
Fassungslos hält sie sich die Hände ins Gesicht: so ein Ansturm an einem Sonntag Mittag! Ihr Name ist Claudia Grötzebach, sie führt Besucher durch die Ausstellung „Bhutan – Heilige Kunst aus dem Himalaya“ im Ostasiatischen Museum in Köln.Nach einer knappen Begrüßung erzählt sie mit kräftiger Stimme über das Leben und die Glückseligkeit im Königreich Bhutan, das auch das Land des Donnerdrachen genannt wird. Grötzebachs feingliedrige Finger huschen über die Karte und zeigen, dass Bhutan östlich von Nepal und westlich von Burma, zwischen Tibet und Indien liegt. An der Nordseite wird Bhutan von den höchsten Bergen der Welt flankiert. Vielleicht ist die beeindruckende Landschaft der Grund für Bhutans gesellschaftliche Lebenseinstellung und offene Politik, in der nicht nach dem Bruttosozialprodukt gestrebt wird, sondern nach dem Bruttosozialglück. Das Land des Donnerdrachens ist eines der wenigen Länder Asiens, die nicht kolonialisiert wurden, was gewiss auch ein Grund für das einzigartige Staatsziel ist.
Führerin Grötzebach übersetzt das Streben nach Glück für die vielen Ur-Kölschen Besucher: „Wir Kölner würden jetzt sagen: Et küt wies küt!“ Ihre feinen Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln strahlen persönliche Glückseligkeit aus. Ist sie selber Buddhistin? Jein, sie steht zwischen den Stühlen. Grützebach stammt aus christlichem Elternhaus und studierte Geschichte und Japanologie. Doch nach ihrer ersten China-Reise warf sie alles um. „Da war etwas, was mich total reizte und ich konnte deutlich spüren, dass mein Herzblut dorthin floss.“ sagt sie rückblickend. Also studierte sie Sinologie und Chinakunde. Dadurch begann sie auch den Buddhismus zu leben, sagt Grötzebach. „Die Lebenshaltung, Frieden zu finden und dabei auf sich bedacht zu sein, fühlt sich für mich absolut stimmig an. Aber die anerzogenen christlichen Dogmen kann ich nicht einfach ablegen.“
Alles, was Grötzebach über Bhutan weiß, hat sie sich vor der Ausstellung angeeignet. Das sie selbst noch nie in Bhutan war, ist kein Wunder. Nur wenige Menschen dürfen nach Bhutan reisen, denn die Berge dort sind heilig, und die Mönche Bhutans möchten nicht, dass sie durch einen Tourismus-Boom entweiht werden. Deshalb ist das Land des Donnerdrachen nicht sehr bekannt. Die heiligen Ausstellungsstücke waren noch nie außerhalb von Bhutan zu sehen. Aus aktiven Klöstern und Tempeln stammen die 110 Exponate. Nur wenige von ihnen werden bei der Führung gezeigt, diese dafür ausführlich.
Die Wandfarben der sonst weiß gestrichenen Ausstellungsräume sind nach buddhistischer Tradition mit Erdfarben gestrichen. Warm und ruhig wirken das satte Gelb und Rot sowie eine nachtblaue Linie, die den gesamten Ausstellungsbereich umrundet und so auch in den Klöstern Bhutans zu finden ist. Es riecht nach Räucherstäbchen. Grötzebach zeigt einen Altar, welcher von den Besuchern angefasst werden darf, weil er kein Original ist. Allerdings wurde er von Bhutanern extra für die Ausstellung nachgebaut. Am Altar sind Gebetsmühlen angebracht, säulenförmige Rollen, die mit Mantren und Gebeten bedruckt sind. Das Drehen an ihnen, verbunden mit dem Wunsch, dass Mantra solle zum Wohle aller fühlenden Wesen wirken, ihnen Leid nehmen und Glück bringen, hilft Buddhisten Karma anzuhäufen. Umso mehr gutes Karma im Laufe des Lebens angesammelt wird, desto höher wird das Lebewesen im nächsten Leben wiedergeboren und nähert sich so dem Nirwana. Buddha hat es bis dorthin geschafft. Seine Geschichte erzählt Grötzebach impulsiv und mit weit ausholenden Armbewegungen, anhand von Stoffbildern –Thangkas genannt. Sie werden von Hand aus Baumwolle oder Seide hergestellt und bemalt. Dabei geht es nicht darum Kunst herzustellen, sondern einem Ritual nachzukommen. Deshalb haben sie auch alle Gemeinsamkeiten: am unteren Rand befindet sich ein etwa Din A 4 großes Patchwork-Stück, das bei Meditationen als Fenster in das Bild dient. Das Bild erzählt immer eine Geschichte, die Lebensgeschichte Buddas und die seiner Schüler. „Wussten Sie, warum Buddhas immer so große Ohrläppchen haben?“ fragt Grötzebach. Es bedeutet, dass er aus einer reichen Fürstenfamilie stammt. Denn reiche Menschen trugen so schweren Ohrschmuck, dass die Läppchen länger und länger wurden. Gerade deshalb fasziniert Buddhas Weg zur Erleuchtung, der von Verzicht, Askese und Meditation geprägt ist. Die Schüler Buddhas und auch die in Bhutan verehrten Gottheiten, haben Namen wie „Avalokiteshvara“ oder „Padmasambhava“. Grötzebach spricht sie aus, als würde sie ihre Kinder so rufen. Nur einmal gerät sie ins Stocken und lacht Tränen über sich. „Sie glauben gar nicht wie lange ich gebraucht habe, um die ganzen Namen auswendig zu lernen.“ Nun lachen auch die Leute mit. „Chinesisch fällt mir deutlich leichter!“ fügt sie hinzu. Das sie so entspannt mit ihren Besuchern umgeht, mag auch daran liegen, dass sie neben ihrer Tätigkeit für den Museumsdienst, beschäftigt sie sich als freie Trainerin, Beraterin und Autorin mit dem Thema Verhaltenswesen ist. Sie scheint im Reinen mit sich zu sein. Auch für die Zugehörigkeit zu zwei Religionen hat sie für sich einen Weg gefunden, damit umzugehen. Wenn Grötzebach das Gefühl hat, sich zu wenig um ihren Christlichen Glauben zu kümmern, sagt sie zu Jesus: „Eh min Jung, jetzt nimm die Sache nicht so tragisch.“