Trug und Schein

Beitrag vom 16. Mai 2011

Das TV-Drama “Verhältnisse” enttäuscht nicht nur mit ausgelutschen Klischees und realitätsferner Handlung, sondern auch die deutsche Starbesetzung um Nicolette Krebitz und Devid Striesow kann nicht überzeugen…

Von Lisa Michels (SS 2010)

Schnelle Autos, teure Villen, schöne Frauen: Statussymbole. Klischees, die eine Gesellschaftsschicht karikieren. In Zeiten der Finanz- und Wertekrise beleuchten die Medien diesen Stand besonders argwöhnisch – allerdings nur dann, wenn sie ihm nicht selbst angehören.

Doch nicht für jeden ist dort Platz. Dies muss auch Architekt Philipp, erschreckend abschreckend von Devid Striesow gemimt, am eigenen Leib erfahren. Sein marodes Architekturbüro, was sich bisher nur durch Hypotheken und Kredite über Wasser halten konnte, steht endgültig vor dem Aus. Da hilft auch eine Affäre mit der Stadträtin (Anna Schudt) nicht mehr.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Aber nicht nur im Geschäft herrscht Flaute. Im heimischen Bett läuft auch schon lange nichts mehr, obwohl Ehefrau Kerstin, gelangweilt und eindimensional von Nicolette Krebitz dargestellt, eine fürsorgende Mutter ist und den Haushalt schmeißt. Anstatt sich allerdings an den Ehemann zu halten, bändelt sie mit Erzieher Daniel (Lars Eidinger) an, der sich als Möchtegernhippi besonders nett um ihre beiden Söhne Emil (Moritz Klaus) und Jim (Junis Marlon) kümmert.

Während das Familiendrama seinen Lauf nimmt, verliert die Handlung mehr und mehr den Bezug zur Realität. Philipp kommt mit dem Misserfolg nicht klar und greift zur Flasche. Und wer ist eigentlich dieser Daniel? Als Philipps Frau nicht mehr mitspielt, rastet er aus und schlägt zu. Sie geht – als hätte sie nun endlich einen plausiblen Grund, den Lügen zu Hause zu entkommen.

Während Kerstin wieder zurück ins Leben findet, stürzt Philipp ab und will dem Ganzen mit Selbstmord ein Ende setzen. Doch nicht mal das will gelingen. Da Kerstin unterhaltspflichtig ist, muss sie sich um den gescheiterten Ehemann kümmern.

Wo bleibt der Realitätsbezug?

Neben einer platten Aneinanderreihung von Klischees kann man über die Wirklichkeitsnähe nur noch lachen. Welcher verlassene Ehemann zieht schon in die Wohnung des Neuen und lässt sich von ihm auch noch zum Arbeitsamt choiffieren, während dieser bereits bei der baldigen Ex-Frau wohnt.  „Der muss sich doch fühlen wie ein Idiot“, meint Kerstin. Der Zuschauer im Verlauf des Films allerdings auch. Die Szenen wirken stumpf und lieblos aufeinandergeschnitten, haben keinen Zusammenhang. Obwohl Regisseur Stefan Kornatz immer wieder versucht, mit den Elementen der Natur zu spielen und sie als Symbol für das Lügengerüst einzusetzen, erreicht seine Intention den Zuschauer nicht.

Da hilft auch die gute Besetzung der Rollen nicht, wenn sich die schauspielerische Leistung dem geringen Niveau des Drehbuchs anpasst. Nicolette Krebitz spielt die vernünftige Mutter zu einsilbig, vergisst, jegliche sonstige Facetten in ihre Rolle einzubringen. Und Devid Striesow? Es fällt ihm leicht, den Abstieg vom gewissenlosen Karrieristen zum selbstmordgefährdeten Hartz-IV-Empfänger zu zeigen, aber auch er bringt keine Emotionen ins Spiel.

Ein netter Versuch, ein Leben über die Verhältnisse und den Niedergang einer Familie aufzuzeigen. Leider bleibt es bei dem Versuch. Denn am Ende fragt sich der Zuschauer vor allem eins: Was will der Film eigentlich sagen?

ARD, 07.04.2010, 20:15 Uhr

ALinke @ 12:45 pm
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