Beitrag vom 16. Mai 2011
Das TV-Drama „Verhältnisse“ im Ersten beleuchtet menschliche Schwäche und den großen Fall mit vermeintlich hohem Realitätsbezug – leider erfolglos…
Von Anne Schult (SS 2010)
Eigentlich steht Philipp Schneider (Devid Striesow) auf der Sonnenseite des Lebens: Er hat zwei Kinder, eine attraktive Ehefrau und ist Leiter eines erfolgreichen Architekturbüros. Doch bereits in den ersten Szenen zeigt sich, dass die makellose Oberfläche bröckelt: Während der Geschäftsmann bei einer eleganten Soiree vergnügt und mit einem flotten Spruch auf den Lippen Sushi-Röllchen präpariert, erfährt die nichtsahnende Ehefrau durch den umtriebigen Geschäftspartner von den finanziellen Sorgen ihres Mannes. „Verhältnisse“ ist eine Studie über den großen Fall, vor dem niemand gefeit ist. Philipp scheint ein netter Kerl zu sein, wird jedoch durch äußere Umstände in die Enge getrieben. Sein Büro steckt in einem finanziellen Engpass und Ehefrau Kerstin (Nicolette Krebitz) will ihm einfach nicht helfen. Überhaupt ist die vermeintliche Familienidylle deutlich getrübt: Kerstin vergnügt sich mit dem Leiter der KITA ihrer Kinder und auch Phillip hat eine Affäre mit einer ewig grinsenden, blonden Baustadträtin.
Szenen einer ganz normalen Ehe, könnte man meinen – und genau das scheint die Inszenierung von Autor und Regisseur Stefan Kornatz auch bezwecken zu wollen. Nüchtern und völlig ungeschönt entfaltet sich der öde Alltag vor dem Auge des Zuschauers, stille Emotionsbilder treten an die Stelle von hysterischen Dialogen oder dramatischem Spiel. Dieses Konzept ist durchaus innovativ, geht bei „Verhältnisse“ jedoch nicht auf. Der Zuschauer fühlt sich gefangen in einer riesigen epischen Blase, in der die Zeit still steht – und passiert dann doch einmal etwas, ist die Handlung völlig vorhersehbar: Ehe er sich versieht verliert Philipp Job, Frau und Kinder und landet in einer psychiatrischen Einrichtung.
Devid Striesow, der bereits mehrfach für seine schauspielerischen Leistungen ausgezeichnet wurde, gibt den gebrochenen Mann, dessen Welt unausweichlich vor seinen Augen zerbricht. Dafür bleibt er allerdings erstaunlich ruhig: Emotionen sind meist lediglich an der tiefen Falte über dem rechten Auge zu erkennen, die im Dauereinsatz ist und wahlweise Sorge, Zorn oder Trauer vermitteln soll. Mitreißend ist sein Spiel jedenfalls nicht – an der Gesamtleistung gemessen sogar enttäuschend. Auch die spärlichen Dialoge mit Nicolette Krebitz, die ebenso unangemessen distanziert wirkt, geben keinen Aufschluss über die brachliegende Gefühlswelt des Gescheiterten. Da fällt es dem Zuschauer trotz melancholischer Musik recht schwer, Mitleid zu empfinden, was dem Film etwas Lebendigkeit geschenkt hätte. Es fehlt vor allem an Überzeugungskraft: Statt komplex angelegter Figuren gibt es flache Stereotype und auch das vermeintlich dramatische Ende, auf das sich die Story unaufhaltsam zu bewegt, erinnert stark an zweitklassiges amerikanisches Unterhaltungsfernsehen.
Der Spielfilm verfolgt augenscheinlich das Ziel, realitätsnah zu sein und ohne hollywoodeske Gefühlsduselei auszukommen, stellt sich mit der konsequenten Aussparung von Emotionen jedoch selbst ein Bein. Letztlich endet „Verhältnisse“ als durchaus interessanter Versuch, auf schnörkellose Weise das klassische Beziehungsdrama zu beleuchten, bleibt aber insgesamt belanglos.