Lasten der Vergangenheit

Beitrag vom 16. Mai 2011

Martin Scorseses neustes Werk Shutter Island ist mehr als ein Psycho-Thriller. Mit tiefgründigen Motiven deckt er nicht nur den Gang der Geschichte auf, sondern will einen Blick hinter die Fassade  der politischen Ausrichtung der USA ermöglichen. Ein Appell an Amerika?…

Von Lisa Michels (SS 2010)

Die Existenz der Vereinigen Staaten gründet sich auf gewalttätige Eroberungen und Unterdrückung der Schwachen. Ob dies auch zu der hohen Kriminalitätsrate des Landes in der heutigen Zeit geführt hat? Vielleicht liegt dieser exzentrische  Durchsetzungswillen vielen Amerikanern noch heute im Blut. Um dieses Überbleibsel der Vergangenheit zu unterbinden, hat Amerika so viele Hochsicherheitstrakte wie kein anderes Land. Auch im Jahre 1954 war dies nicht anders. Für die grauenerregendsten Gestalten  hat sich die Regierung etwas Besonderes ausgedacht: Shutter Island, ein Spezialgefängnis für geistesgestörte Schwerverbrecher und der Schauplatz des neuen Scorcese-Thrillers:

U.S.-Marshal Edward „Teddy“ Daniels (Leonardo DiCaprio) hat sich nach seiner vorherigen Karriere in der Army als Marshal etabliert. Mit seinem Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) wird er auf das sagenumwobene Shutter Island gerufen. Sein simpler Auftrag lautet: Insassin Rachel Solando zu finden, die trotz Sicherheitsüberwachung spurlos aus ihrer Zelle entkommen konnte. Doch nicht nur die besondere Atmosphäre des abgeschotteten Insel-Gefängnisses ketten Daniels an den Fall. Er vermutet auch den Mörder seiner Frau hinter den Schotten der Klinik-Festung.

Die Ermittlungen werden schwieriger als erwartet. Das Gefängnispersonal macht auf Daniels einen skeptischen Eindruck und der Verdacht, dass auf Shutter Island verbotene Experimente an Patienten durchgeführt werden, verdichtet sich. Als Daniels einen versteckten Hinweis von Rachel Solando findet, nicht 66 Patienten seien auf der Insel, sondern 67, artet seine Suche nach dem Mörder seiner Frau in Besessenheit aus. Immer wieder sucht ihn der quälende Verlust in seinen Träumen heim. Zudem kann er die schrecklichen Erfahrungen, die er im Zweiten Weltkrieg bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau gemacht hat, nicht vergessen. Die zu Massen hingerichteten Juden, auf Haufen gescharrt und von der Kälte und dem Tod erstarrt – diese Bilder lassen ihn selbst jetzt, Jahre nach seinem Aufenthalt in Deutschland, nicht los und Daniels würde nur allzu gerne die Lasten der Vergangenheit abwerfen.

Während ein heftiger Hurrikane auf der Insel wütet, verliert er seinen Partner Chuck. Er vermutet die Antworten auf das Verschwinden des Marshals und vor allem auf die verbotenen Experimente im streng bewachten Leuchtturm der Insel. Nur knapp entkommt er den Wachmannschaften und dringt in den verbotenen Turm ein, wo er nicht nur auf den Chefarzt Dr. Cawley trifft, sondern auch die Antworten zu all seinen Fragen findet. Scorcese benutzt den Leuchtturm somit als Symbol für das große Licht, dass nicht nur Daniels in tragischer Weise am Ende seiner Erforschungen aufgeht, sondern auch dem Kinopublikum.

So unerwartet die Wende am Ende des Films ist, so deutlich spielt Scorcese auf ein aktuelles Thema der USA an. Am Beispiel des zweiten Weltkrieges zeigt er, mit welchen emotionalen Folgen manche Soldaten zu kämpfen haben und die sie auch nach ihrem aktiven Dienst oft nicht mehr loslassen. Die psychische Verfassung, in der sich Daniels nach seinem einschneidenden Aufenthalt im Kriegsdeutschland befindet, ist aktuell. Natürlich kam bei ihm noch der familiäre Verlust hinzu, doch mit PTSD, einer posttraumatischen Belastungsstörung als verzögerte Reaktion auf ein sehr belastendes Ereignis, müssen vor allem die heimkehrenden Soldaten aus dem Irak und aus Afghanistan leben. Ihre Vergangenheit wird immer ein Teil von ihnen bleiben, selbst wenn die Zukunft noch so verheißungsvoll erscheinen mag. Denn selbst wenn Erinnerungen verblassen mögen, lassen sie sich nicht völlig aus dem Gedächtnis löschen. Und im Unterbewusstsein bleiben sie für immer bestehen.

ALinke @ 12:41 pm
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