Oftmals sind sie faszinierend und angsteinflößend, manchmal auch nur vollkommen absurd. Dennoch bringen sie uns dazu, den Atem anzuhalten: Urban Legends. DIGGER veröffentlicht jeden Montag eine Story, die Ihr nach Gruselfaktor und Wahrheitsgehalt bewerten könnt.
David saß zusammengekrümmt auf einer Bierkiste vor der Kneipe. Den rechten Arm presste er angewinkelt an den Bauch und hielt sich die Rippen, mit dem linken versuchte er, sich das Blut von der Stirn zu wischen. Er wischte, blickte auf seine Fingerkuppen, wischte noch einmal, schaute wieder, wischte nach. Aber es lief und lief aus einem Cut über einer Braue.
So fand ich ihn, nachdem er mir eine verstörende Nachricht hinterlassen hatte. Den genauen Wortlaut bekomme ich nicht mehr zusammen, David hatte sowieso sehr gelallt und seine dicke Lippe war der Botschaftsübermittlung nicht zuträglich gewesen. Auf jeden Fall hatte er Stress mit ein paar Typen gehabt. Keine Ahnung, ob er „Typen“ oder „Türken“ gesagt hatte. David war beides zuzutrauen. Er machte sich nicht viel aus Political Correctness und hatte gleichzeitig keine Ahnung von ethnischen Herkünften. Für ihn war ein Türke ein Kurde, ein Libanese ein Perser, alle waren Araber oder „sowas halt“. Außer die Afghanen. Die waren einfach nur „drogenabhängig“. Vielleicht war er auch nur an einen braungebrannten Fitness-Trottel geraten, der sich gern sonnenbankte. Tja, dieser David. Keine Ahnung, warum er gerade mich angerufen hatte. Vielleicht, weil ich in der Nähe der Reeperbahn wohnte.
David jammerte. Ich wollte gar nicht wissen, was passiert war, fragte aber trotzdem. Ich konnte es mir schon ausmalen: David war schwer angetrunken in irgendwen hineingetorkelt, in Männlein oder Weiblein, hatte nicht um Entschuldigung gebeten, sondern bestimmt angefangen zu pöbeln. Er hatte sicherlich so etwas gelallt wie: „Was hast du für’n Problem? Willst du hier Stress machen?“ Und dann hat er sicherlich versucht, zuzuschlagen, hat aber sein Ziel verfehlt und den Rest des Kampfes nur noch eingesteckt. Das war so Davids Art.
Dann kam die alte Leier. David nuschelte vor sich hin: „Digger, früher, da hat man sich geprügelt! Da war Schluss, wenn einer am Boden war, Digger! Die Hurensöhne haben mich noch gekickt, als ich auf’n Boden lag, Digger! Die haben auf mich eingetreten, Digger! Digger, die haben mich derbe gefickt, Digger! Mann, Alter, früher war Schluss. Da hat man danach zusammen’n Bier getrunken – Die wollten mich umbringen!“
David erzählte genau denselben Dünnschiss, den man überall zu hören bekommt. Früher habe man sich geprügelt und sei danach ein Bier trinken gegangen. Ja, früher hätten die Leute noch gewusst, wann Schluss war. Da gab es keine S-Bahn-Schläger, weil es keine S-Bahnen gab.
Ich muss dann immer an meinen Großvater denken. Besser gesagt, an ihn und seine vier Brüder. Opa und seine vier Brüder, die in Brandenburg auf dem Dorf groß wurden. Manchmal bekamen sie sich mit anderen Jugendlichen der benachbarten Gemeinden in die Haare. Es war schon damals nicht schwierig, Ärger zu bekommen. Auch damals pubertierten Jungs, auch damals gab es Komplexe und Männer, die sich in ihrer hohlen Art vor anderen Idioten beweisen mussten. Und die Prügeleien arteten auch in dieser Zeit oftmals aus. Beispielsweise wurde ein Junge aus dem Nachbardorf, der den Mund zu voll genommen und sein Messer gezogen hatte, kurzerhand in einer Regentonne unter Wasser gedrückt, bis ihm die Knie knickten und er bewusstlos zusammensank.
In den Straßenschlachten wurde alles benutzt – von Brechstangen bis hin zu Jagdmessern. Und mache ich in Brandenburg Ferien, lässt immer ein alter Kauz über mich ausrichten, dass er meinen Opa am liebsten noch mal windelweich prügeln würde, weil er mal von ihm als Jugendlicher nach dem Konfirmandenunterricht die Hucke vollbekommen hat.
So viel zum Thema „früher herrschte noch Sportsgeist unter den Barschlägern“. Damals erzählten sie auch schon, dass die Jugend verroht und wahnsinnig sei.
Aber David fühlt sich im Recht. Weil alle diesen Unsinn glauben. David ist jemand, der auf sein Recht pocht. David geht bei Grün über die Straße. Auch wenn ein Tanklastzug seinen Weg kreuzen würde, David wäre im Recht.
Foto: Sebastian Tromm

