Urban Legends: Der Geist im Spiegel

Oftmals sind sie faszinierend und angsteinflößend, manchmal auch nur vollkommen absurd. Dennoch bringen sie uns dazu, den Atem anzuhalten: Urban Legends. DIGGER veröffentlicht jeden zweiten Montag eine Story, die Ihr nach Gruselfaktor und Wahrheitsgehalt bewerten könnt.

Die folgende Geschichte ereignete sich in der Nähe von Hamburg um 1948. Kurz nach dem Krieg hatten es viele Menschen sehr schwer, die Städte lagen in Trümmern. Vor allem für junge Familien gestaltete sich der Wiederaufbau des ehemals vertrauten und behüteten Zuhauses als schwierig. Doch eine Familie konnte sich besonders glücklich schätzen. Die herrschaftliche Villa, die schon seit vielen Generationen im Besitz der Familie war, war fast vollständig verschont geblieben. Doch die Familie hatte viel Leid miterleben und sehen müssen. So auch die jüngste Tochter.

Jede Nacht plagten sie Albträume. Sie träumte von den toten Menschen, die sie ständig hatte sehen müssen, von den Bomben, die geräuschvoll auf die Stadt niedergeprasselt waren, und den Nazis, die immer wieder an der Tür geklopft hatten, weil man bei ihnen Juden im Haus vermutet hatte.

So kam es nun auch immer häufiger vor, dass das Mädchen vor seinem Spiegel etwas Schwebendes und Leuchtendes wahrnahm. Da sie selbst dachte, dass es sich einfach um ihre kindliche Phantasie handelte, erzählte sie niemandem von ihren nächtlichen Erscheinungen. Als sie nach mehreren Wochen noch immer bei jedem Blick in den Spiegel eine Gestalt wahrnahm, versuchte sie, mit dem immer wiederkehrenden Geist zu sprechen. Sie fragte ihn, was er von ihr wolle und wieso er sie jede Nacht erneut aufsuchte. Eine Antwort bekam sie nie.

Als ihre Eltern davon Kenntnis nahmen, machten sie sich große Sorgen. Da es keine einleuchtende Erklärung für ihr Verhalten gab, dauerte es nicht lang, bis das Mädchen in die Heilanstalt eingewiesen wurde. Dort erlebte sie furchtbare Dinge. Noch furchtbarer als der Krieg für sie gewesen war. Man sperrte sie in einen dunklen Raum, kettete sie fest und testete bisher unerforschte Medikamente an ihr, um ihr den sogenannten Schwachsinn auszutreiben. Sie hörte auf zu sprechen und zu essen, sie verlor komplett den Bezug zur Realität. Sie vermisste ihre Eltern und fragte sich immer wieder, warum sie ihr das antaten.

Da die Eltern auf Anweisung der Ärzte keinen Kontakt zu ihrem Kind hatten, konnten sie sich ausschließlich auf das verlassen, was man ihnen in den Briefen mitteilte, die sie jeden Monat von der Klink bekamen. Es sehe schlecht aus für die Kleine und es wäre fast unmöglich, sie zu heilen, mussten die besorgten Eltern immer wieder lesen.

Weitere Monate später trafen die Ärzte eine schreckliche Entscheidung. Da man sich in der Anstalt sicher war, dass das Kind nie wieder normal werden würde und der Aufenthalt inzwischen zu teuer wurde, entschloss man sich, es mit Hilfe eines speziellen Giftes sterben zu lassen. In dem Brief, der an die Eltern ging, schrieben sie allerdings, dass das Kind an einer Immunschwäche gestorben war und man alles versucht hatte, um das Mädchen zu retten.

Aus Trauer über den Verlust des Kindes legte sich die Mutter jede Nacht in das Bett ihrer Tochter, bis sie eines Nachts ein Leuchten und Funkeln in dem großen Spiegel wahrnahm. Ihr wurde es sofort klar. Über dem Bett hing schon seit Jahren ein großes Portrait in einem silbern glänzenden Rahmen. Der Mond, der auf den Rahmen schien, erzeugte die Spiegelung. Das Kind war also nicht verrückt gewesen. Man hatte ihm nur nicht zuhören wollen und es direkt für verrückt erklärt. Die Vorwürfe nahm die Familie mit ins Grab. Und was in der Heilanstalt wirklich passiert war, haben sie nie erfahren.

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