ThaliaCampus: Auf der Ton-Spur

Auch am Theater spielt der richtige Ton eine entscheidende Rolle. Den zu finden, ist am Thalia Theater Aufgabe von Nourdin Ghanem. In seinem Workshop gibt der Tonmeister einen kleinen Einblick in seine Arbeit – und macht mit seinen Gästen eine Ton-Tour durchs Thalia.

Es ist ein lauter Empfang, fast ohrenbetäubend. Ein monotones Zischen. Es erfüllt den gesamten Raum, hallt von den Wänden wieder. Das Geräusch ist so laut, dass die Gruppe Schwierigkeiten hat, den Worten zu folgen. Zum Glück ist der Lärm nur von kurzer Dauer. Als die Arbeiter mit dem Aufblasen der großen Luftballons fertig sind, verstummt auch die Druckluftpumpe. Ruhe. Für einen kurzen Moment herrscht fast Stille auf der Bühne. Nur Nourdin Ghanem ist noch zu hören.

Der 43-Jährige ist Tonmeister am Hamburger Thalia Theater. Heute ist er bei dem Stück „Die Kontrakte des Kaufmanns“ von Elfriede Jelinek für den Ton verantwortlich. Bevor sich an diesem Abend aber der Vorhang hebt, nimmt er sich noch Zeit für seine Gäste. Im Zuge der ThaliaCampus-Tage gewährt der Tonmeister einen Einblick in seine Arbeit.

Die kleine Tour durch das Theater startet auf der Bühne. Dort macht Ghanem die Teilnehmer des Workshops gleich auf ein grundlegendes Problem aufmerksam. „Es gibt hier, schon allein wenn ich spreche, unheimlich viele Reflexionen“, erklärt er, „die überhaupt nicht zu beherrschen sind.“ Wenn sich nun die Schauspieler während des Stücks über die Bühne bewegen, entstehen noch mehr solcher Echos. Störsignale, die Ghanems Arbeit nicht gerade erleichtern. „Es ist insgesamt ein Saal, der sehr schwer zu beschallen ist“, sagt der 43-Jährige.

Während sich die Gruppe langsam in Richtung Zuschauerraum bewegt, spricht Ghanem über seine Arbeit an „Kontrakte“, wie er es nennt. Das Stück sei sehr lebendig und spontan, erklärt er. Da müsse auch er jedes Mal mitarbeiten und kreativ sein, wenn plötzlich auf der Bühne etwas Neues passiert, was so nicht vorgesehen war.

Es gehört auch zu den Aufgaben eines Tonmeisters, den Sound auf der Bühne richtig auszutarieren. Flüstern die Darsteller untereinander, muss Ghanem die entsprechenden Mikrofone lauter drehen. Damit bleibt auch das Flüstern für die Zuschauer verständlich. Wenn die Schauspieler dann anfangen lauter zu reden, müssen die Mikrofone wieder runtergezogen werden. Schwierig wird es, wenn auch noch Musik oder andere Geräuschquellen ins Spiel kommen. In „Kontrakte“ beispielsweise muss eine laute Band berücksichtigt werden.

„Ich verlasse mich bei der Arbeit eigentlich hauptsächlich auf meine Ohren“, erzählt Ghanem. Und auf die darf er sich auch verlassen. Immerhin ist er seit über 25 Jahren in diesem Bereich tätig – die meiste Zeit davon allerdings nicht am Theater. Vor dem Thalia hat der Familienvater viel für Studioproduktionen gearbeitet. Erst vor zwei Jahren kam er an das Hamburger Theater. Und dort gefällt es ihm auch heute noch. „Es gibt für einen Tonmeister keinen vielfältigeren und abwechslungsreicheren Job als den am Theater“, sagt er.

Die kleine Reisegruppe steht mittlerweile zwischen den Sitzreihen. Im halbdunklen Saal des Theaters deutet Ghanem in Richtung Wand. Dort neben den Ausgängen sind ebenfalls noch einmal Lautsprecher angebracht. „Es ist wichtig, dass der gesamte Sound gleichzeitig beim Publikum ankommt“, erklärt der Tonmeister. Da die Lautsprecher aber im ganzen Theater verteilt sind, ist die Distanz zum Zuhörer immer unterschiedlich. Die Signale müssen deshalb teilweise verzögert und angepasst werden.

Programmiert werden solche Verzögerungen im Mischpult. Auch hier schaut Ghanem mit den Besuchern vorbei. Ein Meer aus Drehknöpfen und Schaltern, aus leuchtenden Zahlen und roten Lichtern. Ähnlich fremd wirkt für den Laien der Blick in die Ton-Regie. Ein flacher Raum mit wenig Platz, aber viel Technik ringsherum.

Als sich die Gruppe auf den Weg ins Tonstudio macht, spielt auf der Bühne bereits ein Schlagzeug. Soundcheck. Es wird Zeit – auch für Ghanem. Trotzdem nimmt er sich noch fünf Minuten, um mit den Gästen einen Blick in das kleine Aufnahmestudio unter dem Dach zu werfen. Dann ist aber wirklich Schluss, zumindest für die Teilnehmer des Workshops. Für den Tonmeister beginnt der Abend jetzt erst richtig.

Über den weiteren Verlauf des Studentenfestivals berichtet DIGGER unter Kultur/ ThaliaCampus.

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