Stolz ohne Vorurteil

Unzählige Autos bilden eine Einheit. Dabei geht es den Besitzern nicht darum, mit Chromverzierungen, elektrischen Glas-Schiebedächern oder aktuellen Trendfarben wie „Brillantweiß“ oder „Cosmic Silber“ anzugeben. Es geht um ein Symbol, das die sonst so wichtige Individualität beim deutschen Lieblingsspielzeug in den Hintergrund rückt: drei horizontal verlaufende Streifen in den saftigen Farben Schwarz, Rot und Gold. Ein Kommentar.

Wohin das Auge blickt, wehen die Farben der Bundesrepublik im Wind und bringen unzählige Balustraden zum Erblühen, die sonst nur mit halbvertrockneten Geranien dekoriert sind. Wäre man in Frankreich oder Amerika, könnte man denken, dass gerade der dortige Nationalfeiertag zelebriert wird. Weit gefehlt. Großereignisse, auf Neudeutsch sogenannte „Megaevents“, sind es, die eine vergessene Art des Selbstbewusstseins wieder auf die Straßen bringen. Grund genug für eingefleischte Fans, Patrioten, Gelegenheitsanhänger und Bekloppte, eine riesige Sause zu veranstalten. Stolz sein und mitfiebern für einen Sieg unserer Fußball-Elf oder für die deutsche Stimme bei einem internationalen Musikwettbewerb, das ist in.

Wer nicht mitmacht, wird mitgerissen – wenigstens für eine Weile. Denn die mit Stolz geschwellte Brust kann genauso schnell wieder in sich zusammensinken, wie sie aufgeblasen wurde. Jeder strotzt vor Selbstsicherheit, solange Finale, Ruhm und Ehre noch in greifbarer Nähe sind. Bei Niederlage, Schmach und Rückkehr verwandelt sich der Hochmut allerdings schnell in Demut.

Nationalstolz. Schon das Wort lässt bei vielen Deutschen noch immer die Nackenhaare zu Berge stehen. Im Land von Autos, Bier und Kartoffelsalat tun wir uns immer noch schwer mit diesem Wort, gerade wenn es aktuell nicht angesagt ist, für das Vaterland zu jubeln. Aber warum? Gelobt werden wir von vielen Nationen für unsere Organisationsfähigkeit und Gastfreundschaft; erfolgreich sind wir als europäischer Exportmeister, und sogar das deutsche Reinheitsgebot beim allseits beliebten Gerstensaft gilt international als Qualitäts­indikator. Zweifelsohne genießt unser Land ein hohes Ansehen. Und das zu Recht. Trotz Krisen leben wir immer noch in einem der sichersten Länder, politisch wie wirtschaftlich. Tradition, Facettenreichtum und Modernität vereint kaum ein anderes Land ähnlich souverän und glaubwürdig wie „Good Old Germany“.

Stolz sind wir Deutschen aber selten auf unsere Herkunft, als viel mehr auf unseren Job, unsere Familie, unsere Statussymbole oder uns selbst. Wo bleibt dann das Gemeinschaftsgefühl, das Wir-Gefühl, das uns alle vereint, wenn mal kein Megaevent schwarz-rot-goldene Marionetten Spalier stehen lässt und Deutschland einfach nur Deutschland ist? Es bleibt auf der Strecke vom vergangenen Großereignis bis zum nächsten, denn zwischendrin trottet jeder wieder mit seiner „Deutschland-ist-so-ätzend-Miene“ durch den Alltag. Wieso eigentlich? Besser als andere Länder ist Deutschland keineswegs, aber auch nicht schlechter. Übertriebener Patriotismus ist fehl am Platz. Nur sollten wir uns nicht von Events der Superlative abhängig machen, um daran erinnert zu werden, wie gut wir es doch haben. So viele Länder machen es uns vor. Wir leben nicht mehr in der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt. Gefragt ist ein gesundes Mittelmaß zwischen Stolz und Understatement. Wie heißt es in einem Lied von Herbert Grönemeyer? „Zeit, dass sich was dreht.“ Und das tut es, denn Großereignisse, die Völker zusammenbringen, haben wesentlich dazu beigetragen, ein Gemeinschaftsgefühl zu etablieren – in Deutschland und in der Welt. Dadurch wird die Scham „ins Gegenteil verkehrt“, um erneut den Bochumer Sänger zu zitieren. Die Megaevents haben gezeigt, dass es funktioniert. Nehmen wir uns diese Ereignisse doch zum Vorbild, unserem Land den Respekt zu zollen, den es verdient. Aufrecht, aber nicht überheblich, auch wenn es mal nicht darum geht, auf einem Podest ganz oben zu stehen. Danach können wir ruhigen Gewissens alle streben, brüderlich mit Herz und Hand.