Ganz Hamburg fiebert auf diese Partys hin. Elftklässlerinnen, weil sie hoffen, dort Abiturienten aufzureißen. Abiturienten, weil sie hoffen, dort Studentinnen aufzureißen. Studentinnen, weil sie hoffen, alte, wohlhabende Partyhengste aufzureißen. Und alte Partyhengste, weil sie hoffen, bei den Elftklässlerinnen zum Schuss zu kommen. Hier kommt Teil zwei der DIGGER-Party-Reportage.
Fassungslos blicke ich Sebo hinterher. Das will er sich entgehen lassen: Die von gegenseitigen Scharmützeln gespickten Konversationen in der Schlange, das gegenseitige Abchecken am Pissoir, oder die horrenden Preise für einen verwässerten Whiskey? Mir ist das dank meines Pegels völlig unverständlich.
Mein Blick schweift durch die Schlange. Auf der Suche nach Augenpaaren, die meine Vorfreude erwidern, erhalte ich nur Blicke, die mich versuchen, klein zu halten. Ich hatte vergessen, dass ich nicht zum Spaßhaben hier bin.
Die Tolle neben mir streift sich permanent durch ihren Schopf und versucht auch die letzte Strähne noch in Form zu bringen. Doch dank der Tube Gel, mit der sie vorher stundenlang vor dem heimischen Spiegel dekoriert wurde, wehrt sie sich tapfer.
Langsam kommen wir dem Türsteher näher. Fritz. Rote Haare, ein Wikinger-Bart und Holzfäller-Hemd. Er ist ein Kontrapunkt zu den uniformierten hirnlosen Wanne-be-Models in der Schlange. Doch hirnlos gucken kann er auch.
Von der Seite schieben sich weiter Elftklässlerinnen in den Eingangsbereich. Zwar funkeln auch ihre Augen nicht, aber die Zahnspangen glitzern, als hätten sie auch die auf Hochglanz poliert. Versteckt schweifen ihre Blicke durch die Menge. Vielleicht kurz einem sweeten Boy Küsschen rechts, Küsschen links geben. Nur um zu zeigen, dass man sich kennt. Mich kennt hier keiner – außer die drei gackernden Leidensgenossen, die Sebo mir aufgequatscht hat.
Auch ich versuche möglichst tough zu blicken, als wir vier vor dem roten Absperrband stehen. Die sinnlose Konversation verebbt und weicht einer innerlichen Anspannung. Die Ereignisse aus Trittau haben ihre Spuren hinterlassen. Wiki der Wikinger stolziert mit einem schwarzen Schreibblock in der Hand hinter der Absperrung hin und her.
Zu gerne wüsste ich in diesem Moment, was in seinem Kopf vorgeht – viel konnte es jedenfalls nicht sein, das war klar. Auf der Liste vermute ich die Erinnerungen an die wichtigsten Vitalfunktionen, die für sein Leben existenziell waren: „Atmen, Fritz. Atmen.“ Oder eine Anleitung für ein fehlerfreies Ignorieren von Menschen, denn ich fühle mich eher wie ein Schwein auf dem Weg zum Schlachthof – ob mein wirkliches Schicksal besser war, wage ich zu bezweifeln.
Langsam erbarmt sich Fritz unser, auch wenn er mir nur seine linke Schulter zuwendet.
„Steht ihr auf der Liste?“
„Was für eine Liste: Organspende? Schindlers? Die von Peter Zwegat?“, rätsele ich zum Glück leise und antworte: „Nein.“
„Ihr vier?“, will er wissen. „Ja“, antwortet Melanie? Mareike? Melissa? neben mir.
Ein Gefühl des Triumphes steigt in mir empor, als Wiki uns „Viel Spaß“ wünscht, während er das rote Absperrband aus seiner Verankerung löst und uns Zutritt gewährt. Ich bedanke mich sogar noch dafür, dass ich gleich zehn Euro Eintritt für den Affenzirkus hier zahlen darf, und schreite die wenigen Stufen herauf zur Kasse. Der Bass des Mainstream-Gedudels vom Dancefloor lässt mein Hemd, das Handy meine Hose vibrieren:
„Nein, da schreibt Sophia mir und will mit ihrer Granatenfreundin und mir zu Pop. Fuck! Aber vielleicht steht sie auf leere Portemonnaies?! Ai,Ai,Ai..“
Kaum haben wir die Hürde vor der Tür unbeschadet überstanden, trennt sich mein Weg von Melanies? Mareikes? und dem ihrer Freundin. Innerlich hoffe ich, für immer. In der Garderobenschlange wartet die komplette Abercrombie- und Hollisterproduktpalette, und auch ich stelle mich an. Artig und viel zu nüchtern. Unauffällig beobachte ich die Begrüßungsrituale neben mir. Partyhengste küssen Elftklässlerinnen und Studenten küssen Abiturienten. Hier zählt nicht, was man macht. Hier zählt, wer was schon mit wem gemacht hat.
Hinter der Garderobentheke steht Frieda. Lässig Kaugummi kauend während sie mir die Marke für meine Jacke in die Hand gibt. Angeschaut werde ich auch von ihr nicht. Immerhin der Euro ist im Gegensatz zu den sonstigen Preisen ein Schnäppchen.
„Jetzt geht’s los“, denke ich mich in Stimmung, kehre der Garderobe den Rücken zu und steuere auf dem Weg zum Dancefloor gleich in mein erstes Duell. Es ist eine Situation, die einem ritterlichen Zweikampf im Mittelalter gleicht. Doch hierbei geht es um viel mehr. Es geht um die Hierarchie auf dem Tanzparkett. Ein braun gelocktes Karohemd mit schicker roter Hose steuert auf dem engen Gang auf mich zu. „Ich weiche dem Idioten sicher nicht aus“, soviel war klar. Meine Schritte werden energischer, der Blick emotionslos. Ich bin nicht zum Spaß hier und Schwächen habe ich auch nicht. Wir mustern uns. Unsere Blicke offenbaren die Frage, um die es hier geht. „Wer hat hier schon mehr umgelegt?“ Platz machen kommt nicht in Frage. Diese Genugtuung werde ich ihm nicht bereiten, auch wenn seine ritterliche Lanze nach dem ersten Dancefloorbesuch schon gerichtet scheint. Kurz vor dem Aufprall drehen wir uns beide minimal gen Wand ein, jedoch nur so weit, dass sich unsere Schultern dennoch touchieren. Die Aggression liegt in der Luft. Mit dem ersten Unentschieden auf dem Weg zur Bar kann ich leben. Den Erfolg begieße ich erst mal mit einem Gin Tonic, der nach wenigen Schlucken auch schon Geschichte ist, ebenso wie die letzten acht Euro in meinem Portemonnaie.
Endlich! Neben mir ein Antlitz, das ich kenne. Ich mag es nicht, aber ich kenne es. Blond, großbusig und strohdumm. Den Smalltalk mit Katharina? Kerstin? Karolina? führe ich, während ich mich bereits auf den Weg zum Dancefloor mache.
„Hey.“
„Alles fit?“
„Ja, bei mir alles gut. Und bei dir?
„Bei mir auch.“
„Schön, viel Spaß noch!“
„Ja dir auch. Sehen uns ja später bestimmt.“
„Ja.“
Wer dabei was gesagt hat, ist angesichts der Inhaltslosigkeit völlig gleichgültig, genau wie sie mir.
Mühsam drängele ich mich durch die Masse. Der Gin Tonic lässt mich einige Duelle gewinnen. Möglichst arrogant schiebe ich die anderen beiseite.
Der Song begrüßt mich in St. Tropez, und wenn ich mir die Gestalten, die um mich herum ihre Joop-Uhren und ihre Sabo-Armbänder in die Luft schmeißen, genauer ansehe, kommt mir das durchaus realistisch vor.
Einige Partyhengste haben sich schon Stuten für den Abend reserviert, auch wenn uns die Fohlen evolutionstechnisch um Jahrmilliarden zurückwerfen würden. Die noch zu begattenden Huftiere in näherer Umgebung blicken scheu um sich und kontrollieren, ob sich bereits ein Männchen anpirscht oder ob sie bei „gonna get low low low“ noch einmal in ihrem hautengen Dress mit dem Po bis zum Boden wackeln müssen. Denn das können
sie alle. Egal wie voll. Dass die meisten Typen hier aber viel zu cool sind, um von sich aus diese wandelnden Paarungseinladungen anzusprechen, erspart uns so einige missratene Nachfahren. Wer für den abgehobenen Dancefloor noch zu cool ist, führt seinen Paarungstanz auf einer der Emporen rund um das Tanzgetummel auf. Drei leicht bekleidete Matrosen mit roten Synthetikhosen, die wirklich nur das Allernötigste bedecken, tanzen eng umschlungen ihren Balztanz. Es gibt hier auch Hengste, die versuchen, andere Hengste aufzureißen. Ich warte auf das geistlose „Hey, whats up? Welcome to the peer.“, als ich mich an der Binnenseebesatzung vorbei Richtung DJ-Pult schiebe. Der Erzeuger des elektronischen Mülls feiert seine ganz eigene Party: geschlossene Augen, den Blick mit leichter Rücklage gen Himmel gerichtet und mit dem Kopf monoton zum Beat nickend. Um ihn herum? Elftklässlerinnen, Abiturientinnen und Studentinnen. Darunter auch Melissa? Mareike? Mona? aus der Schlange. Auch im Dunkeln und trotz Gin Tonic war sie zwar weder hot, noch schön, aber immerhin war sie eine Stute. Ich witterte meine große Chance: erstmal lässig drum herum tanzen. Es muss spontan wirken, als hätte ich noch andere im Blick. Doch zu lange warten darf ich auch nicht, denn coole Boys zögern nicht. In diesem Moment machte ich mir mehr Gedanken als der Rest des Feieradels hier zusammen.
Mit kleinen Schritten schleiche ich mich hinterrücks an meine Beute ran. Langsam fahre ich meine rechte Hand auf der Suche nach ihrer Hüfte aus. Nur Haut und Knochen. Ein gebärfreudiges Becken sieht anders aus. Ihre Freundin, die das Balzverhalten peinlichst genau beobachtet und meinem Opfer allzu heimlich versucht, Zeichen zu geben, ob man sich auf dieses Männchen einlassen kann, klimpert mit ihren falschen Wimpern. Grünes Licht. Fremdbestimmt schiebt mir Melanie? Magdalena? ihr Hinterteil in meinen Schoß. Mit beiden Händen kralle ich mich an ihre Hüften und versuche, einen einheitlichen Rhythmus zu finden, was dank der mittlerweile eingetretenen Gleichgewichtsstörungen zunächst schwer fällt.
Nach einigen zwanghaften Schwüngen im Einklang verselbstständigt sich auch meine ritterliche Waffe. Desinteressiert schweift mein Blick ununterbrochen durch die Menge, keiner darf merken, dass es mich schon freut, die erste Hürde überwunden zu haben.
Ruckartig dreht sich meine Eroberung um: Weder hot, noch schön – das war jetzt Gewissheit. Bemüht versucht sie, ihren Schlafzimmerblick aufzusetzen, mit dem sie sich besonders begehrenswert fühlt. Sie spitzt die Lippen und ihre linke Hand richtet ein letztes Mal ihre lange Mähne. Langsam schließt sie die Augen und streckt mir ihr Kinn entgegen. Ich soll sie küssen, aber mir wird langweilig. Der Spaß ist vorbei, die könnte ich mitnehmen. Stereotypisch für diese Location blicke ich lieber an mir selbst herunter als an ihr. Während ich mein T-Shirt mustere, entdecke ich einen kleinen Fleck. Habe ich etwa einen Schluck des wertvollen Gins vergossen oder war mir beim Anblick der Matrosen doch eine Angstträne entwichen?
Schnell wende ich mich meiner mittlerweile angenervt blickenden Errungenschaft ab und eile zur Kasse, um nach einem Taschentuch zu fragen. Im Licht des Eingangsbereiches wird mein übelster Albtraum wahr.
Während ich versuche, den Fleck mit dem Tuch abzuwischen, bildet sich ein langer, dünner, weißer und zäher Faden. Ich war der von den Matrosen gejagte Hengst. Die Saat der Homoerotik verzierte mein Shirt.
Entsetzen. Demütigung. Fassungslosigkeit.
Jetzt war ich mir sicher, mein Schicksal war schlimmer als das eines Schlachtschweins. Beschämt hole ich meine Jacke und gehe. Alleine.
Das war zu viel: ein Wickinger-Krieger vor der Tür, der sich mit Hilfe einer Tafel an die Vitalfunktionen erinnert, wandelnde Hollister- und Abercrombie-Litfaßsäulen, mittelalterliche Duelle um die Umlegeqoute und Matrosen, die einen vor lauter Geilheit im Vorbeigehen befruchten.
Und dennoch werden morgen alle stolz erzählen, dass sie da waren: Elftklässlerinnen, Abiturientinnen, Studentinnen, Partyhengste und auch ich.
Hey, Whats up? Welcome to POP 66!

Pop 66 von Sebastian Reinhard Tromm und Feilx Ebeling steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter journalismus-mhmk.de.




