Kritik: “Einladung an die Waghalsigen”

Ein heruntergekommener junger Mann schlurft auf die Bühne: Einen Stoffhasen im einen Arm, einen Autoreifen in der anderen Hand. Er stellt den Reifen ab und bringt das Stofftier ins Bett, indem er es in die Rundung des Reifens legt und mit einem schmuddeligen Handtuch zudeckt.

Die ebenfalls junge Schriftstellerin Dorothee Elmigers brachte vor zwei Jahren ihren ersten Roman heraus. Er erzählt von den beiden Schwestern Margarete und Fritzi, die zu den einzigen Überlebenden eines Bergwerkunglücks zählen. Im Stollen eines örtlichen Kohlereviers ist vor langer Zeit ein Feuer ausgebrochen, das bis zum heutigen Tag nicht gelöscht ist. Die Schwestern bilden die Jugend einer praktisch verschwundenen und ausgestorbenen Bergarbeiterstadt. Doch mit ihrem Schicksal wollen sie sich nicht abfinden. Sie befragen die älteren Überlebenden nach einem Fluss, den es in der Umgebung vermutlich einmal gegeben hat, um ihn zu entdecken.

Den Kern von Elmigers Roman bildet eine Binsenweisheit: Nur wer seine Vergangenheit kennt, kann sich eine hoffnungsvolle Zukunft aufbauen. Für die Protagonistinnen ist das leichter gesagt als getan. Denn von der Vergangenheit sind ihnen in Sylvia Sobottkas wunderbarer Romanadaption nur fragmentarische Hinterlassenschaften erhalten. In ihrer Behausung, die sich an einem unterirdischen Unort befindet, haben sich die Schwestern eingerichtet. Zurückgelassene Kinderspielsachen sind besonders beliebt: Die eine hört Karl-May-Hörspiele aus dem Kassettenrecorder; die andere liest Bücher. Sie haben sich eine Baracke zusammengezimmert, Gepennt wird auf einer versifften Matratze.

Die Münchner Produktion zeigt, wozu junges Theater imstande ist. Bei Sylvia Sobottka ist eine Regiehandschrift erkennbar und eine Haltung zur Welt. Auf der Bühne von Anna van Leen teilt sich die Welt in zwei Lager, die allerdings in ihrem Inneren höchst unterschiedlich sind. Auf der einen Seite die ungleichen Schwestern, von denen die eine gern vor sich hinträumt und die andere sich auf die große Suche nach dem Fluss begibt. Auf der andere Seite, aber eigentlich gleich nebenan: zwei ältere Frauen, zwei ältere Männer – wie man so schön sagt: rüstige Herrschaften. Sie repräsentieren die Vergangenheit. Die früheren Bergarbeiten lassen mit Wimpeln und Volkstanz die glorreiche Vergangenheit hochleben. An ausgedienten Kohlekübeln baumeln Schärpen, die Orden an den Uniformen künden von Bestarbeitererfolgen.

Zwischen den Generationen herrscht ein Krieg der Denksysteme. Die Jungen konfrontieren die Alten mit Fragen, die sie nicht beantworten wollen. Oder nicht können? Fest steht, dass die jungen Frauen Informationen gewinnen möchten über den Fluss und erfahren wollen, wie sie zu dem wurden, was sie sind. Die vier älteren Schachtbewohner reagieren kurz angebunden. Es ist ein verblüffender Zufall, dass die Abweisungen erteilende Dame äußerliche Ähnlichkeiten mit Margot Honecker hat. Die Attitüde einer starrsinnigen Ewiggestrigen ist jedenfalls dieselbe.

Das Besondere am Roman und auch der Inszenierung, die sehr genau die Romanhandlung erzählt, ist die mythische Dimension des Geschehens. Michail Bakunin in der Philosophie und Richard Wagner im Theater haben geschildert, dass die Zerstörung die notwenige Voraussetzung für jeden Neuanfang ist. Im Roman und auf der Bühne hakt es am Übergang, denn die Alten verhindern ihn. Die Zerstörung ist in Form einer Naturkatastrophe eingetreten, doch die Erneuerung wird von den Alten blockiert. Auf der Bühne horten sie Ressourcen in Form von Nahrung und Waffen und maßen sich die Macht an, die Hütte der Jungen zu pfänden und demontieren.

Den jungen Frauen bleibt nichts weiter als das nackte Leben. Das Besondere an Elmigers Debütroman ist, auf welche Art sich ihre postapokalyptische Endzeitvision von einer austrocknenden Gesellschaft entwickelt. In Filmen, die sich eines solchen Themas annehmen, befinden sich Figuren und Gesellschaften im freien Fall. Bei Elmiger und Sobottka gewinnen beide Schwestern Lebensmut und wollen ihre Lage zum Guten wenden.

Sobottkas Inszenierung ragt aus dem bisherigen Programm heraus, weil sie Menschen auf die Bühne bringt, und nicht Emotionalclowns. Ihre feinsinnige und substanzreiche Inszenierung auf dem Boden des psychologischen Realismus lebt von den Akteuren, die über ganz große Schauspielkunst verfügen. Wenn Sandra Lipp in der Rolle der mutigen Schwester Margarete von ihrer vergeblichen Suche nach dem Fluss zurückkehrt, stehen ihr Angst und Schrecken, aber auch Mut und eine unbeugsame Hoffnung ins Gesicht geschrieben. Mit feinen Regungen in Gesicht und Stimme offenbart sie immer neue Facetten einer geheimnisvollen jungen Frau. Angelika Krautzberger als Fritzi ist zunächst passiv und umklammert ihren Kassettenrekorder, weil sie sich sonst nirgendwo festhalten kann.

Doch zuletzt finden die unbehausten Einzelkämpfer zusammen und finden im verelendeten Mann mit Stoffhasen einen Freund. Mit ihren Habseligkeiten entfachen sie einen sprudelnden Sturm im Einmachglas. Vielleicht ist der Wunsch der jungen Frauen nach einem klar verortbaren Fluss ein Bild für ihre Sehnsucht nach Halt und Orientierung im Leben. Die Suche hat sich gelohnt, denn sie sind zu einer Gemeinschaft geworden.

Die Kritik stammt von Philipp Mitterwieser. Unter dem Titel “junge regie textversion” geben die Studenten der Bayrischen Theaterakademie München jeden Tag eine Festivalzeitung heraus. Angeleitet werden die angehenden Kulturjournalisten von Prof. Dr. C. Bernd Sucher.