Ein Tag als Sex-Shop-Verkäuferin

Schläfrig blinzelt die Reeperbahn mir entgegen, die Rolllädenaugen halb geöffnet. Es ist 9 Uhr morgens auf Hamburgs sündigster Meile. Unterwegs sind nur noch solche, die ins Bett gehören und andere, die gerade aufgestanden sind. Die kleinen Reinigungswagen fahren durch die Straßen, versuchen zu verwischen, was letzte Nacht geschah.

Heute ist mein erster und letzter Tag als Sex-Shop-Verkäuferin. Ein bisschen nervös bin ich schon, als ich durch die geöffnete Tür in den Laden hinein gehe. Am Eingang warten bereits der Geschäftsführer und ein Mitarbeiter. Sie sehen ganz anders aus, als ich erwartet habe. Keine goldkettchentragenden, schnurrbärtigen Pornobrillenträger, sonder zwei ganz normale Männer. Der eine um die Vierzig, gepflegtes Äußeres, markante schwarzgeränderte Brille vor wachen Augen. Der andere Mitte Zwanzig, symphatisch grinsend, ein Praktikant mit Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz im Sex-Shop. Als Einzelhandelskaufmann. „Ob ich jetzt bei Penny arbeite, oder hier. Hier erlebt man auf jeden Fall mehr!“, erzählt er mir im Laufe des Tages. Die beiden Männer stellen sich vor.

„Fangen wir mal mit den Scherzartikeln an“, werde ich vermeintlich zaghaft an die Produkte herangeführt. Das Scherzartikelregal steht direkt an der Tür. Wenn nachts die Touristen kommen, wollen diese meist etwas zum lachen. Bei einer Auswahl von Sexwürfeln, plüschigen Handschellen und Busen-Tassen gibt es dort alles, was die Lachmuskeln stimuliert.

Es geht weiter in die Vibratoren-Abteilung

Es geht weiter in die Vibratoren-Abteilung. Ich bemerke, dass im Hintergrund Radio Hamburg läuft. Das hat Stil. Nichtssagende Kaufhausmusik wäre hier irgendwie skurril.

Klein, groß, farbig, gerillt, mit Perlen, mit Aufsatz, mit verstellbaren Stufen und Fernbedienung – bei den Vibratoren gibt es eine riesige Auswahl. Der Geschäftsführer erklärt mir die Unterschiede. Selbst bei den Vibratoren, die wie Delfine aussehen, muss er nicht lachen. Für ihn sind es nur Produkte.

Nacheinander werden mir Gummi-Penisse aus verschiedenen Materialien in die Hand gelegt. Silikon, Latex, Skin, Jelly, Glas und Edelstahl. „Ältere Frauen bevorzugen vor allem hautfarbene Produkte. Im Alter von 30 bis 40 sind die meisten Frauen sehr verklemmt“, erklärt der Geschäftsführer. Der Praktikant nickt zustimmend und wirft ein:“ Und die bis 23 sind manchmal etwas zu offen.“ Wir lachen.

Um meine Aufmerksamkeit zu testen werden mir nach jeder Abteilung Fragen gestellt. In meinem Kopf höre ich die Wer-wird-Millionär-Melodie. Auf den Verkaufstresen werden vier Vibratoren gelegt und ich muss das Material bestimmen. Richtig. Eine Runde weiter. Als Belohnung geht es nun zu den Gleitgel-Regalen. Es gibt welches auf Silikonbasis – eher für den privaten Gebrauch. Zur Demonstration wird es mir auf die Hand gerieben. „Das Gleitmittel auf Wasserbasis ist für das Gewerbe”, erklärt der Geschäftsführer mit besonderer Betonung auf dem letzten Wort.

Nach Gefühls- und Geruchstest erzählt der Geschäftsführer: „Manchmal empfiehlt man jemandem ein Gel zu einem Toy und da bekommt man Antworten wie, nein danke, ich habe noch Butter und Olivenöl zu Hause.“ Er grinst.

Eine Frau betritt den Laden, sie scheint im „verklemmten“ Alter zu sein. Mitten im Laden bliebt sie stehen und ruft laut mit ostdeutschem Akzent: „Sach ma, habt ihr auch so Feuerzeuge wo ein Penis raus kommt?!“ Der Praktikant schüttelt den Kopf und die Frau verlässt den Laden. Wir lachen wieder und der Geschäftsführer schüttelt den Kopf: “Die gabs vor 15 Jahren.“

Als wir uns gerade der Bondage-Abteilung zuwenden wollen, kommt ein älterer Herr herein. Er trägt eine Brille mit dicken Gläsern, eine schiefe Fliege und einen dunkelblauen Blazer. Ich frage mich, ob er sich verirrt hat. Oder nach dem Weg fragen will. Oder irgendwas anderes harmloses von uns wissen möchte.

Doch der mindestens 70-Jährige legt eine pechschwarze Plastiktüte auf den Tresen, holt einen Penisring hervor und erklärt, er würde diesen gerne umtauschen. Der Praktikant und der Chef beugen sich über den Ring, stellen einen Produktfehler fest und tauschen den Penisring um. Ein bisschen wie bei H&M. Nur irgendwie anders.

Mein Blick fällt auf die ausgestellten Süßigkeiten auf dem Tresen. Mit dem kreativen Titel „Lick A Dick“ können hier auch Lutscher in Penisform erworben werden. Ich schmunzle bis ich die „DVD der Woche“ mit dem Titel: „Piss on me – 100 Liter Pisse“ sehe.

Nachdem ich erfolgreich die Penisring-, Bondage-und Pärchenregale passiert habe und mich fragentechnisch bereits bei der 16.000.-€-Frage befinde, werde ich nun in die Welt der Penispumpen und künstlichen Vaginas geführt. Der Praktikant und der Geschäftsführer sind etwas lockerer geworden, einerseits erheitert von meinen unwissenden Zwischenfragen, andererseits weil ich nun scheinbar in ihrer Mitte akzeptiert werde.

Der Praktikant fragt, was eine „Fernfahrer Muschi“ ist. Ich wähle den Publikumsjoker, doch das einzige Publikum ist ein älterer Mann mit Jeansweste, der seit mehr als 45 Minuten in der Porno-Abteilung verschwunden ist und zwei schüchterne Jungs, die um die Kondome herumschleichen. Keiner, der reden möchte.

Die Fernfahrer-Muschi ist eine Legende

„Die Fernfahrer-Muschi ist eine Legende. Weil LKW-Fahrer lange keine Frau sehen, nehmen sie eine Thermoskanne, ein halbes Kilo Mett, ein Kondom und ganz viel Fantasie“, erzählt der Praktikant strahlend. Wieder was gelernt. Dann gibt es eine kurze Pause. Neugierig frage ich den Praktikanten, was das Verrückteste ist, was er bisher im Laden erlebt hat.

„Im hinteren Teil des Ladens ist ein Kino, dort gibt es kleine Spinde, wo man zum Beispiel seine Taschen einschließen kann. Dort hat sich ein Mann ganz nackt ausgezogen, zwei Windeln aus seinem Rucksack geholt, diese angezogen und ist ins Kino gegangen.“ Wir lachen. „Leute gibt’s, die gibt’s gar nicht,“ kommentiert er. Der Geschäftsführer kommt wieder dazu. „Einmal war hier eine Gruppe Frauen. Erst haben die sich nur amüsiert, dann wollte die eine ein paar Dessous anprobieren. Die hatte Doppel DD.“ Verdeutlichend zeigt er mit den Händen den Brustumfang der Frau. „Generell nehmen Frauen in Dessous immer zwei Größen zu klein. Sie hat sich also umgezogen und wie erwartet, passte es nicht. Ich habe ihr dann zwei Nummern größer gegeben und gesagt, dass wären französische Größen, die würden immer kleiner ausfallen.“ Er lächelt vielsagend und ich staune über so viel Charme in einem Sex-Shop.

In der umfangreichen Pornosammlung wird mir von Holländern und Dänen berichtet, die häufig nach Tier- und Kinderpornos fragen. Der Geschäftsführer schüttelt angwidert den Kopf: „Sowas finde ich überhaupt nicht gut. Kinder und Tiere können sich nicht wehren. Das ist nicht in Ordnung so etwas. Und so etwas gibt es hier auch nicht. Aber in Holland und Dänemark ist das erlaubt.“ Ich frage ihn, was für DVDs am häufigsten von jungen Männern gekauft werden.

Die meisten wollen Oma-Pornos

Die beiden sehen sich kurz an und der Praktikant antwortet: „Ob du’s glaubst oder nicht, die meisten wollen Oma-Pornos.“ Ich schaue ungläubig. Beide nicken. Dann schweifen wir ab. Reden über Deutschlands Sozialsystem, über Berufe, über Italien und südländische Mentalität. Umringt von Geschlechtsorganen jeder Größe und Farbe, Penisringen, Gummivaginas, Gleitcreme und pornografischen Filmen vergesse ich fast, dass ich mich in einem Sex-Shop befinde.

Die Schicht ist vorbei, begleitet von leiser Radio-Hamburg-Musik trete ich durch den Eingang in Hamburgs Sonne und höre noch wie mir hinterher gerufen wird:

„In die Anal-Abteilung kommen wir nächstes Mal.“